Aspekte und Symbole des HEROS-Prinzips       

In dem obigen Text von Friedrich Schiller ist die Essenz des Heroischen auf einfachste Weise ausgedr√ľckt. Was jede Pflanze, jeder kleinste Grashalm tun, wenn sie sich mit gro√üer Geduld und Hartn√§ckigkeit durch die Erde ans Licht brechen, wenn sie mit allen zur Verf√ľgung stehenden Mitteln ihre individuelle Eigen- und Einzigartigkeit zum Ausdruck und zur Verwirklichung bringen, darum geht es hier. Das Heroische ist die vorantreibende, sch√∂pferische Lebensenergie in uns, die sich verwirklichen will, diejenige Kraft, die bereit ist, den "Kampf ums Dasein" aufzunehmen. Diese Kraft finden wir √ľberall im Universum und in der Natur, schon im "Urknall", der Explosion und Expansion des Universums, im Such- und Neugierverhalten, Rivalit√§ts-, Imponier- und Paarungsverhalten der Tiere und Menschen, in unserem K√∂rper, der in einem dauernden Kampf mit Krankheitserregern und sch√§dlichen Stoffen liegt und sein Lebendigsein bewahren m√∂chte.

Unsere erste heroische Tat, unser erster und gr√∂√üter und alles entscheidender Heldenkampf ist unser Wettlauf gegen Millionen anderer Spermien gewesen. Wir haben vor all diesen vielen anderen Spermien unser Ziel erreicht, wir wurden von der weiblichen Eizelle (die selbst eine von vielen Auserw√§hlten aus der urspr√ľnglichen Vielzahl vieler konkurrierender Eizellen ist) "auserkoren", wir konnten mit ihr das Mysterium coniunctionis, das Geheimnis der Vereinigung der Gegens√§tze feiern. Alle, die wir dies geschafft haben, sind in gewissem Sinne Helden und Heldinnen, wir haben bewiesen, dass wir uns gegen eine √ľberm√§chtige Konkurrenz durchsetzen konnten. Wir alle sind "winner". Auch die Geburt selbst war eine geradezu klassische heroische Stirb-und-Werde-Situation, ein Heldenkampf aus dem umh√ľllenden Gef√§ngnis in die Freiheit, durch die Dunkelheit zum Licht.

Wir sind von allem Anfang an Wesen, die sich selbst nicht kennen und in eine unbekannte Welt hineingeboren werden. In unseren Genen tragen wir zwar die Essenz des ganzen Universums und des ganzen evolution√§ren Prozess, aber wir wissen nichts von unserer kosmischen Herkunft und Vergangenheit. Wir sind wie "Aliens", Fremde aus dem Universum, die irgendwie auf dieser Erde gestrandet sind. Auch nach unserer Geburt m√ľssen wir unz√§hlige weitere heroische Leistungen vollbringen, unz√§hlige Drachenk√§mpfe durchstehen. Wir m√ľssen uns bewegen, stehen, laufen lernen, trotzen, rivalisieren, k√§mpfen, aggressiv sein, erforschen, erobern, lernen, leisten, R√ľckschl√§ge und Niederlagen erleiden, Schmerz aushalten, Pr√ľfungen bestehen, erfolgreich sein, uns selbst behaupten. Wir f√ľhlen uns dabei oft einsam, unverstanden und fremden M√§chten hilflos ausgeliefert. √úberall m√ľssen wir die Unsicherheit und das Risiko des Lebens alleine tragen und dabei haben wir immer unseren Tod vor Augen. Wie k√∂nnten wir das alles, wenn es nicht die Kraft des Helden und der Heldin in uns g√§be, die uns Zuversicht und Trost vermitteln?

Das ganze Leben ist im Grunde eine kontinuierliche Heldenreise. Von daher ist es verständlich, dass der HEROS die Menschen aller Kulturen und aller Zeiten immer aufs Höchste fasziniert hat. Ob in den alten Mythen, Sagen und Märchen, ob in der Literatur und den Filmen der Gegenwart, in der Religion, der bildenden Kunst, der Geschichte, der Politik, der Wissenschaft, der Wirtschaft, dem Sport: immer steht der Mensch im Mittelpunkt, der "es wagt", der das Neue, Außergewöhnliche tut und es dabei riskiert, bis an die äußersten Grenzen zu gehen.

Der positive Held und die positive Heldin repr√§sentieren den vorbildlichen sch√∂pferischen Menschen. Sie symbolisieren den Menschen, der den Mut hat, sich selbst, seinen W√ľnschen, Phantasien und eigenen Wertvorstellungen treu zu sein, der das Leben leidenschaftlich lebt, anstatt vor ihm zu fliehen, der Wege einschl√§gt, die wir einerseits f√ľrchten, andererseits insgeheim aber auch gerne gehen w√ľrden: Wege in verborgene, verbotene, schwer zug√§ngliche Seinsbereiche, handele es sich dabei um neue Lebensformen, fremde L√§nder oder ferne Galaxien oder um die Unbekanntheit unserer Seele. Indem der heroische Mensch sich weder von den Warnungen anderer, noch von seinen eigenen √Ąngsten und Schuldgef√ľhlen von seinem Vorhaben abbringen l√§sst, offen und lernbereit ist, Konflikte, Frustrationen, Einsamkeit und Ablehnung auszuhalten vermag, gewinnt er neue Einsichten und vollzieht Handlungen, die nicht nur f√ľr ihn, sondern auch f√ľr die Gesellschaft von ver√§ndernder Kraft sein k√∂nnen.

Der Weg des Helden und die mit ihm verbundenen Ereignisse und Symbole sind uns so vertraut, weil sie das instinktiv von uns gewusste oder erahnte Muster des "richtigen und guten" Lebensweges darstellen. Wir sp√ľren es sehr deutlich und empfinden es als unbefriedigend, wenn uns eine Erz√§hlung oder ein Film wesentliche Elemente des Heldenweges vorenth√§lt. Beispielsweise haben wir meist gro√üe Schwierigkeiten damit, wenn die Hauptperson eines St√ľckes ein "Looser", ein Verlierer, ist, der seine Aufgabe nicht erf√ľllt und scheitert. Noch schlimmer wird es, wenn der Held nicht das Wahre, Gute und Sch√∂ne vertritt, sondern die T√§uschung, das B√∂se und H√§ssliche, oder wenn er sich am Ende als ein √úbelt√§ter entpuppt. Unzufrieden sind wir auch, wenn der Held am Ende nicht auch seine Heldin bekommt oder nicht zumindest eine gewisse Hoffnung bleibt, dass sie sich finden werden.

Nat√ľrlich hat der HEROS - das sei hier schon vorwegnehmend betont - auch sehr destruktive Seiten, wie wir es aus der Menschheitsgeschichte zum √úberma√ü kennen, n√§mlich dann, wenn sich der Schatten des Heroisch-√úbermenschlichen als blinder Gr√∂√üenwahn und missionarischer Eifer, als Unterdr√ľckungs- und Machtgier und als Egoismus, Intoleranz, Grausamkeit, Gewaltt√§tigkeit und kriegerische Zerst√∂rung √ľber V√∂lker und Kulturen legt.

Umgekehrt hat aber das Fehlen positiver heroischer Vorbilder auch sehr negative Wirkungen. Wenn motivierende konstruktive Leitbilder abhanden kommen, machen sich Orientierungslosigkeit, Sinnlosigkeit und Anarchismus breit. Langweile, Sucht, Lust an Brutalit√§t und Untergangsphantasien dr√ľcken das verzweifelte Lebensgef√ľhl von Menschen aus, die nicht mehr mit ihrem sch√∂pferischen Entwicklungspotential und ihrer aktiven Gestaltungsfreude in Verbindung stehen. Gerade auch in Zeiten der Krise und Not, in denen eine Neuorientierung n√∂tig ist, braucht es den HEROS, der Tr√§gheit und Resignation √ľberwindet und bereit ist, f√ľr ein h√∂heres Ziel zu k√§mpfen. 

Der aufwärts gerichtete Pfeil: Aufbruch in die Zukunft

Wenn man Menschen bittet, sie sollten eine Geste machen, die sie typisch f√ľr das Heldenhafte finden, dann sto√üen sie oft ihren Arm mit geballter Faust nach vorne. Diese phallisch-aggressive Bewegung, die sich auch im Pfeilsymbol ausdr√ľckt, weist auf die typische heroische Dynamik von der Vergangenheit in die Zukunft, von hinten nach vorn, vom Unteren, "Niederen" zum Oberen, "H√∂heren" auf ein bestimmtes Ziel zu. Als "zielstrebige, k√§mpferische, zukunftsorientierte Handlung und Tatkraft" k√∂nnte man diese Dynamik zusammenfassen. Immer geht es beim Helden darum, sich aus der Bindung und Gefangenschaft von etwas Altem, Vergangenen, √úberholten zu befreien und sich mit Lust und Leidenschaft auf etwas Neues hinzubewegen.

Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben,
kommt am Ende hin,
wo er herger√ľckt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerst√ľckt.

Christian Morgenstern[2]

Der Phallus: Die Ekstase der Eigenständigkeit

Der aufw√§rts gerichtete Pfeil ist nat√ľrlich auch ein Phallus und das Neue ist nat√ľrlich auch ein Sexualpartner, den es zu "erobern" gilt. Die sexuelle Symbolik in ihren elementaren und differenzierten, ihren biologischen wie geistigen Aspekten ist ja, wie wir auch beim EROS sehen werden, vermutlich die urt√ľmlichste und umfassendste, die wir kennen, denn in ihr spiegelt sich der ganze Sch√∂pfungsprozess. So ist es nur nat√ľrlich, dass alle wesentlichen Bereiche des Lebens in irgendeiner Weise auch mit sexueller Symbolik verbunden sind. Allerdings darf diese nicht auf die biologische Seite der Sexualit√§t reduziert werden, denn hinter ihr steht etwas Allgemeineres, Grunds√§tzlicheres - eben das Sch√∂pferische - das sich auch, aber keineswegs nur in der Sexualit√§t offenbart.

So geht auch der Phallus in seiner symbolischen Bedeutung weit √ľber den bekannten biologischen Fruchtbarkeits-Aspekt hinaus. Erst seine anderen Bedeutungen machen verst√§ndlich, wieso er auf M√§nner wie auf Frauen eine solche Faszination aus√ľben kann. In seinen Eigenschaften und seinem Eigen-Sinn scheint der Phallus das Heroische direkt abzubilden: Sehnige Kraft, St√§rke, H√§rte, Entschlossenheit, Autonomie, Selbst√§ndigkeit, Standfestigkeit, Eindringungsverm√∂gen, pulsierende Lebenskraft, Intensit√§t, Explosivit√§t, ekstatische Leidenschaft.

Die Faszination am Phallus ist eine Faszination an diesem intensiven Lebensausdruck, den wir nicht nur gelegentlich in der Sexualit√§t, sondern √ľberhaupt im Leben erfahren m√∂chten.

 

Abb.: Phallus

Seine F√§higkeit, sich aufzurichten und offensichtlich hinzustellen, l√§sst dar√ľber hinaus das ganze symbolische Umfeld des "Sich-Aufrichtens" anklingen. Die aufrechte Haltung des Menschen hat sehr viel mit seinem Ich-Bewusstsein (vgl. LOGOS, bei dem die Richtung nach oben und das Obere als der Himmel, das Licht und das erkennende Bewusstsein auch eine zentrale Rolle spielen), seinem Selbstvertrauen, seiner Identit√§t und seiner F√§higkeit zu Willenshandlungen zu tun. Indem sich das kleine Kind aufzurichten beginnt, vollzieht es f√ľr sich in wenigen Monaten eine welt- und bewusstseinssch√∂pferische Tat, f√ľr die der evolution√§re Prozess Hunderttausende von Jahren ben√∂tigt hat. Das Sich-Aufrichten vermittelt ein euphorisches, triumphales Gef√ľhl von √úbersicht, Potenz, Beweglichkeit und Macht. Wenn ein Mensch in sp√§teren Jahren als Sieger auf einem Podest steht und seine Arme weit nach oben ausbreitet, dann zeigt er diese elementare Ekstase des Aufrichtens und des Stolzes "Seht her wie gro√üartig ich bin! Bin ich nicht der Gr√∂√üte?"

Der Phallus vermittelt uns die fundamentale Formel des HEROS: "Ich bin, der ich bin". Er ermutigt uns zu dem Wagnis, "aufrichtig" zu uns selbst, unseren Gef√ľhlen, W√ľnschen und Gedanken "zu stehen" und sich leidenschaftlich f√ľr ihre Realisierung einzusetzen.

Aber sich so zu verhalten ist ein st√§ndiges Wagnis und Risiko. Unvermeidlich ist damit verbunden, dass wir in Widerspruch geraten zu den Vorstellungen unserer Mitmenschen √ľber uns, zu unseren eigenen Vorstellungen dar√ľber, wie wir eigentlich sein sollten, und zu unseren Bed√ľrfnissen nach Geborgenheit und Aufgehobensein in mitmenschlichen Beziehungen. Die Angst vor diesen Konflikten l√§sst viele Menschen schon vor den ersten Etappen des Heldenweges zur√ľckschrecken und in einer unfruchtbaren Anpassung verharren. Damit aber werden sie nie jenes begl√ľckende Gef√ľhl des "Ich bin, der ich bin" erleben, das unser Geburtsrecht ist.   

Die Heldenreise: Das Leben ist ein Abenteuer

Die mit dem Leben und der seelischen Reifung verbundenen Herausforderungen, Konflikte und Erfahrungen sind f√ľr alle Menschen weitgehend √§hnlich. Deswegen weisen auch die Heldengeschichten in den verschiedenen Kulturen durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte viele Gemeinsamkeiten auf, die von verschiedenen Forschern erkannt und herausgearbeitet wurden.[3] 

Das heroische Kind in uns

Der Held/die Heldin haben meist g√∂ttliche oder k√∂nigliche und normal-menschliche Eltern zugleich. Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und fr√ľhe Kindheit stehen unter gro√üer Belastung. Manchmal sind die Eltern zun√§chst unfruchtbar, manchmal sind die Kinder von Anfang an unerw√ľnscht, ihre Geburt muss an heimlichem Ort stattfinden, sie sollen get√∂tet werden und werden ausgesetzt, von Adoptiveltern oder Tieren aufgezogen. Einerseits sind sie k√∂niglich-g√∂ttlicher Herkunft, andererseits erleben sie das Leid des ausgesto√üenen, verlassenen Kindes. Sie sind m√§chtig und hilflos zugleich.

Jeder, der das Heroische in sich wieder finden will, wird sich auch mit seinem "inneren Kind" auseinander setzen m√ľssen, denn oft haben wir die heroische Kraft in unserer Kindheit am intensivsten gef√ľhlt. Wir m√ľssen uns diese F√§higkeit des leidenschaftlich W√ľnschens und Wollens erst wieder erwecken. Am Anfang unseres Lebens sind wir noch voller Kraft, voller Lebensfreude, voller Begeisterungsf√§higkeit. In uns brennt das ekstatische Lebensfeuer des Universums noch in hoher Intensit√§t. Wir sind erf√ľllt von Lebenslust, Neugier und von unb√§ndigem Drang zur Selbstverwirklichung. Nichts befriedigt uns mehr, als die Welt, unsere Mitmenschen und uns selbst zu erkunden und immer mehr zu lernen, unsere angeborenen F√§higkeiten anzuwenden. Oft hatten wir aber keine Eltern, keine Gro√üeltern, keine Erzieher und Lehrer, die uns halfen, das Staunen √ľber das Mysterium des Lebens, das wir in uns tragen, zu vertiefen. Stattdessen wurden wir √ľberwiegend auf das Fehlerhafte aufmerksam gemacht. So vieles, was wir taten, wurde belastet von Schuld- und Schamgef√ľhlen und immer wieder verglichen mit Fremd- und Ideal-Vorstellungen, die keiner erf√ľllen konnte. Schlie√ülich verloren viele von uns ihren Mut und ihre ungehemmte Freude an ihrer sch√∂pferischen Kraft.

Die Begegnung mit unserem inneren Kind ist nicht einfach f√ľr uns, weil wir dabei mit intensiven Gef√ľhlen konfrontiert werden: mit hei√üen Sehns√ľchten, mit gro√üer Angst, mit Schmerz und Trauer und vor allem mit Scham. Die Scham, die wir empfinden, wenn wir in Ber√ľhrung mit den Gef√ľhlen und W√ľnschen unseres inneren Kindes kommen, macht es uns oft sehr schwer, unsere heroische Begeisterungsf√§higkeit und Tatkraft zu erwecken. Wir wehren uns verzweifelt, nichts von unseren vermeintlich "schwachen" Gef√ľhlen zu zeigen. Wir wollen unsere Sehnsucht nach liebevoller Best√§tigung und Bewunderung, unsere Verletzlichkeit und unsere Empfindlichkeit nicht offenbaren. Wir haben Angst vor den innigen, weichen, warmen Gef√ľhlen, die uns √ľberkommen k√∂nnten, vor den Tr√§nen, die vielleicht flie√üen w√ľrden, vor unserer R√ľhrung und Trauer, aber auch vor den ekstatischen Reaktionen, vor all den "sentimentalen" Gef√ľhlen, der "Gef√ľhlsduselei". Wir verbergen sie stattdessen hinter Ernsthaftigkeit, Verantwortlichkeit und Pflicht, hinter Neid, Verbitterung, Rachegef√ľhlen, Aggressionen, Vorw√ľrfen, Streitereien, Rivalit√§ten. Aber wenn wir gelernt haben, das innere Kind in uns und in anderen Menschen zu sehen, dann wissen wir, dass hinter all diesen "erwachsenen" Haltungen und hinter all den negativen, zerst√∂rerischen Impulsen h√§ufig der tiefe Wunsch steht, sich in freier Weise ganz entfalten zu k√∂nnen und in unserer pers√∂nlichen Eigenart ganz angenommen zu werden.

Es besteht aber andererseits auch die Gefahr, dass wir in der Begegnung mit dem Kind in uns in einer bestimmten Haltung stecken bleiben. Unser inneres Kind, das uns einerseits so viel Neugier und Experimentierfreude vermitteln kann, hat auch einige Schattenseiten, die uns es sehr schwer machen k√∂nnen, uns und unsrer Vision treu zu sein: z.B. √ľberm√§√üige √Ąngstlichkeit, Bequemlichkeit, und Verharren in magischen Gr√∂√üenphantasien. Wenn es in seinen Bem√ľhungen frustriert wird, zieht es sich manchmal entt√§uscht zur√ľck und will alle Schwierigkeiten des Lebens seinen Eltern √ľberlassen. Es liebt seine Gr√∂√üenphantasien und Wunschtr√§ume, will aber nichts daf√ľr tun, sondern hofft auf deren einfache, magische Erf√ľllung. Viele Menschen, die ein unbefriedigtes Leben f√ľhren, verharren in einer vorwurfsvollen Einstellung den Eltern oder dem Schicksal gegen√ľber. Manche wiederholen jahre- und jahrzehntelang ihre ewig gleichen kindlichen Vorw√ľrfe und Klagen, ohne dass sie beginnen, f√ľr ihr Leben selbst leidenschaftlich die Verantwortung zu √ľbernehmen. Daf√ľr ist es n√§mlich n√∂tig, √ľber die passiven Erwartungshaltungen und Entt√§uschungen des Kindes hinauszugehen und zum "g√∂ttlichen Kind" zu finden, jener Lebenskraft, die trotz aller Schwierigkeiten dem Leben ein gro√ües "Ja" entgegenruft. F√ľr dieses "g√∂ttliche Kind" haben wir selbst eine f√ľrsorgliche Elternschaft zu √ľbernehmen. Dar√ľber hinaus erinnern uns die Helden-Mythen daran, dass wir neben unseren pers√∂nlichen Eltern auch noch g√∂ttliche Eltern haben, n√§mlich jene evolution√§ren Energien und Kr√§fte, die durch unsere leiblichen Eltern, Gro√üeltern und die ganze menschliche Ahnenreihe hindurch wirken und die uns auch jetzt noch auf unserem Lebensweg begleiten als die "Gro√üe Mutter" und der "Gro√üe Vater" in der Tiefe unserer Seele. An diese Kr√§fte - unsere eigentlichen Eltern - k√∂nnen wir uns immer vertrauensvoll wenden, wenn wir einmal nicht weiter wissen.  

Fr√ľh √ľbt sich, was ein Meister werden will

In ihrer Jugend offenbaren die Helden schon bald besondere Kr√§fte, F√§higkeiten und Talente. Hervorragende LehrmeisterInnen helfen ihnen, ihre Fertigkeiten und Kenntnisse zu vervollkommnen. Auch wir besitzen ganz besondere F√§higkeiten und Begabungen, die nur wir in dieser Weise, zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort haben. Diese nat√ľrlichen Gaben (wieder-) zu entdecken und zu f√∂rdern ist eine der wichtigsten Aufgaben jeder Selbsterfahrung und Therapie. Immer wieder m√ľssen wir uns dort mit der Frage auseinander setzen: "Was will ich eigentlich wirklich?", "Was kann ich ganz besonders gut und auf welche Weise bringe ich dies zum Ausdruck?" "Welche T√§tigkeiten fallen mir leicht und machen mir spontan Freude?"

Viele Helden haben eine ausgepr√§gte Bereitschaft, ausdauernd zu √ľben und zu lernen. Damit zeigen sie eine unserer besten menschlichen F√§higkeiten, die F√§higkeit, Interesse zu zeigen, sich Neues anzueignen, Zusammenh√§nge zu verstehen. Wir k√∂nnen sie uns zum Vorbild nehmen, immer wieder wir mit offenen Augen und Ohren, mit all unseren Sinnen und mit unserem ganzen Herzen an neue Situationen heran zu gehen und uns immer wieder zu fragen: "Was ist denn das?", "Wie kann ich das verstehen?", "Wozu kann man es verwenden?".

Viele von uns sch√§men sich, sich so offen und neugierig zu zeigen. Wir f√ľrchten, die anderen k√∂nnten uns f√ľr naiv, dumm, und unwissend halten. Deshalb ist es wichtig, sich klarzumachen, dass wir alle nur sehr, sehr wenig wissen, dass das Leben sehr kurz ist und wir niemals sicher sein k√∂nnen, ob wir noch einmal in unserem Leben die Chance haben werden, das zu erfahren, was wir jetzt erfahren k√∂nnen. Auch wenn wir nicht morgen sterben: Morgen kann alles anders sein und es kann zu sp√§t sein, die Dinge zu tun, die wir eigentlich erleben, sagen und tun wollten.  

Die Waffen des Helden

Die Helden erwerben dann ihre pers√∂nlichen Waffen, die meist von besonderer Qualit√§t und Herkunft sind. Dies symbolisiert, dass die Helden neben ihren nat√ľrlichen Begabungen bereit sind, bestimmte psychische Eigenschaften, wie z.B. Ausdauer, Willensst√§rke, Zielstrebigkeit, Entscheidungsf√§higkeit, konstruktive Aggressivit√§t (aggredi = heranschreiten) zu trainieren.

Die typischen Waffen der Helden, wie Keule, Messer, Schwert, Pfeil und Bogen, Lanze, Speer, aber auch Pistole und Gewehr, nehmen an der bereits besprochenen Symbolik des Phallischen teil und ver√§ndern sie in der einen oder anderen Richtung. Pfeil und Bogen zum Beispiel - eine sehr einfache und √§u√üerlich unscheinbare Konstruktion - ergeben zusammen eine magisch-unheimliche Waffe. Die Spann-Kraft des Bogens verbindet sich mit der leichten Beweglichkeit des Pfeils zu einer machtvollen Einheit. Aus sicherer Entfernung das Wild zu erlegen oder den bedrohlichen Feind t√∂ten zu k√∂nnen, das ist f√ľr den Menschen seit alters eine faszinierende Vorstellung und hat ihren vorl√§ufigen H√∂hepunkt in Pistole, Gewehr und ferngelenkten Raketen gefunden. Dass solche phallischen Ger√§te wie Raketen sowohl der globalen Zerst√∂rung, als auch der weltumspannenden Kommunikation (indem sie Satelliten in den Weltraum bringen) oder auch der Erforschung fremder Bereiche dienen k√∂nnen, zeigt noch einmal die immense ambivalente, sch√∂pferisch-destruktive Kraft, die im heroischen Prinzip enthalten ist. Dieser Doppelcharakter wird auch besonders in asiatischen Kulturen deutlich, wo verschiedene Kampfsportarten wie Aikido, Jiu-Jitsu, Karate, Kendo, Tai-Chi, das Bogenschie√üen oder der Schwerterkampf zur √úbung k√§mpferischer F√§higkeiten wie auch als Mittel der Zentrierung auf die eigene Mitte genutzt werden. "Dem klugen Sch√ľtzen gleicht der h√∂here Mensch. Verfehlt dieser sein Ziel, so wendet er sich ab und sucht die Ursache seines Fehlschusses in sich selbst." (Konfuzius) 

Das Schwert: Die Kraft der Entscheidung

Das Schwert besitzt in den verschiedenen Heldenerz√§hlungen meist eine ganz herausragende Bedeutung. Oft ist es golden, mit einer Inschrift versehen und am Griff mit magischen Edelsteinen verziert. Wie eine schwer erreichbare Kostbarkeit wird es manchmal erst nach langer Suche an verborgenem Ort gefunden. Es besitzt √ľbernat√ľrliche Kr√§fte und Weisheit; es hat einen eigenen Namen, kennt seinen rechtm√§√üigen Besitzer und macht ihn unbesiegbar. Der besondere Wert des Schwertes liegt wohl darin, dass es die wesentlichen "magischen" Qualit√§ten von Stab, Keule und Lanze in sich vereint, noch um die Kraft des Schneidens, Teilens und Trennens erweitert. Es ist so etwas wie die "Quintessenz" dieser Waffen. Seine symbolische Bedeutung reicht von elementarer heroischer Kampfeslust bis hinein in den Bereich des LOGOS, wo es Gerechtigkeit, Klarheit, Objektivit√§t und Erkenntnis darstellen kann.

Die menschliche Bewusstseins- und Identit√§tsentwicklung ist, wie wir schon beim Kind deutlich beobachten k√∂nnen, auf "aggressive" Handlungen wie Abgrenzung, Losl√∂sung, Trennung, Durchsetzung eigenen Willens und Widerstand (Trotz) angewiesen. Das Kind √ľbt seine Ich-Kr√§fte lange Zeit mit recht primitiven Mitteln. Es hat J√§hzorns-Anf√§lle, kann in seiner Wut alles um sich zerst√∂ren und kennt wenig Skrupel, Vater und Mutter kurzfristig "sterben" zu lassen. Wenn es gute Lehrmeister hat, dann wird das Kind im Laufe seiner Kindheit und Jugend lernen, seine aggressive Durchsetzungsf√§higkeit immer geschickter zu handhaben, und es wird sich schlie√ülich auf diese Weise sein eigenes Schwert schmieden. Es wird damit immer besser unterscheiden k√∂nnen, was innen und au√üen, was mein und dein und was gut und b√∂se ist. Sein Bewusstsein von sich selbst und der Welt wird durch diese F√§higkeiten vertrauensvoll, optimistisch und realistisch sein.

Aufgrund der Tatsache, dass menschliches Bewusstsein auf der Unterscheidung und der Teilung in polare Positionen verbunden ist (vgl. auch LOGOS), l√§sst sich das Schwert auch als ein Symbol des klaren Denkens und des gerechten Bewusstseins auffassen. Ohne eine gut ausgebildete F√§higkeit zur denkerischen Unterscheidung best√ľnde unser Leben aus einem hoffnungslos verworrenen Kn√§uel verschwommener Wahrnehmungen, widerspr√ľchlicher Gef√ľhle und Bed√ľrfnisse, unrealistischer Ideen und zerfahrener Gedanken. Unser Dasein gliche einem Labyrinth, durch das wir ziellos umherirrten, oder einem dunklen Chaos, dem das Licht der ordnenden Erkenntnis fehlte.

Mit dieser F√§higkeit zur Unter-Scheidung ist sehr eng auch die F√§higkeit zur tatkr√§ftigen Ent-Scheidung verbunden. Entscheiden kann sich nur, wer verschiedene Alternativen unterscheiden und bewerten kann. Das Schwert ist somit auch ein Symbol f√ľr tatkr√§ftige Entscheidungsf√§higkeit, Entschlossenheit, Mut und Initiative.

Ein Mann hat folgenden Traum:

‚ÄěIch habe ein Schwert in der Hand und beobachte zwei andere M√§nner, die miteinander mit Schwertern k√§mpfen. Ich stehe mit dem Schwert daneben, halte es einfach in der Hand. Ein Mann sagt zu mir: So mit dem Schwert nur dazustehen, das bringt nichts. Man muss auch damit umgehen. Er zeigt mir die ersten Bewegungen.“

Der Tr√§umer ist ein Mann von ruhigem, zur√ľckhaltendem Wesen. Als Kind wollte er immer anst√§ndig und sauber sein, er glaubte: Gott sieht alles. Er habe schon immer Schwierigkeiten gehabt, aggressiv zu sein, was durch sein Theologiestudium noch weiter erschwert wurde. Er leidet daran, dass er nicht recht wei√ü, was er eigentlich f√ľr sich wirklich will und wie er seine Ziele ausdauernd verfolgen kann. Oft ist er unsicher, ob seine Entscheidungen richtig sind. Er hat das Gef√ľhl, nur aus 30% seiner Kraft heraus zu leben, "nicht aus dem Vollen zu sch√∂pfen".

Was ihm seine innere Weisheit im Traum vermittelte, ist f√ľr viele Menschen ebenso wichtig: Sich im Umgang mit dem Schwert der Wehrhaftigkeit und Selbstbehauptung, der sch√∂pferischen Aggressivit√§t und Autonomie und der Konzentration und Entschlusskraft zu √ľben, damit wir unsere wahren Lebensziele und unsere Identit√§t finden und zu sichern verm√∂gen. 

Die treuen Tierbegleiter des Helden

H√§ufig finden die Helden auch ein treues Begleittier - meist Pferd, Hund oder Vogel -, das sich durch besondere Klugheit, Instinktsicherheit, Treue und Kraft auszeichnet. Diese besonderen Tiere der Helden symbolisieren nicht nur deren eigene k√∂rperliche Gesundheit, Vitalit√§t, St√§rke und Gewandtheit, sondern √ľberhaupt ein gutes, vertrauensvolles Verh√§ltnis zu den k√∂rperlichen Bed√ľrfnissen, Instinkten und Reaktionen. Indem die Helden diese Tiere z√§hmen, lernen sie, auf die instinktive Weisheit ihres K√∂rpers und ihrer biologischen Natur zu h√∂ren. Sie lernen, ihre wilden, archaischen, animalischen Seiten - z.B. starke, ungeb√§ndigte Gier, Aggressionen, Sexualit√§t, Affekte etc. so zu lenken, dass sie nicht destruktiv werden, sondern sich dem Ziel der Helden - der Selbst-Findung - unterordnen und mit ihnen kooperieren. 

Der Auftrag

Nachdem sich die Helden ausreichend gut vorbereitet haben, erhalten sie ihren h√∂heren Auftrag, bei dem es sich um eine kollektive Not handeln kann oder um eine innere Berufung oder Vision. Nach anf√§nglichen Widerst√§nden, die sich in eigener Angst, Unlust oder in der Warnung durch andere Menschen zeigen, machen sie sich auf den Weg. Bis sie zum eigentlichen Ziel kommen, m√ľssen sie eine Reihe von Nebenabenteuern bestehen. Zum Beispiel begegnen sie anderen, zun√§chst feindlichen Helden, mit denen sie sich auseinander setzen m√ľssen und die sich als ebenb√ľrtig herausstellen. Manchmal verbinden sie sich mit diesen in Freundschaft. Es geht hierbei unter anderem darum, Rivalit√§t und Wettbewerb auszuhalten und ein Gef√ľhl f√ľr Gemeinschaft und Solidarit√§t zu entwickeln.

H√§ufig handelt es sich bei diesen anderen Gestalten um eigene Schattenaspekte, die die Helden zun√§chst integrieren m√ľssen, z.B. Neigung zu Arroganz, √úberheblichkeit, Machtstreben, unangemessenen Gr√∂√üenwahn oder Gewaltt√§tigkeit. 

Der Abstieg in die Unterwelt

Die eigentliche Aufgabe f√ľhrt sie √ľber eine Schwelle in unbekannte, fremde Bereiche. Es handelt sich meist um einen verborgenen, schwer zug√§nglichen Ort handeln, wo eine unheimliche, bedrohliche Macht wirkt. Sehr oft ist dieser Ort "unten" angesiedelt. Unter psychologischem Aspekt meint dies die unbekannte unbewusste Tiefendimension unserer Seele. Vor dem Abstieg in die Unterwelt der eigenen Pers√∂nlichkeit haben wir oft gro√üe Angst. Dort st√∂√üt man n√§mlich zuerst auf das Dunkle, auf den Schatten, auf das Menschlich-Allzumensch-liche und die Natur und Triebseiten unseres Wesens. In der Begegnung mit unserer Unterwelt drohen Schmerzen und Leiden, die Erfahrung eigener Sinnlosigkeit und Leere, infantiler Abh√§ngigkeit und Hilflosigkeit, aber auch das Erleben von kaum beherrschbarer Aggression und Destruktion. In unseren Tr√§umen und Phantasien flie√üt das Blut, wird zerst√ľckelt und zerhackt, verf√ľhrt und vergewaltigt, werden Inzeste vollzogen, tauchen unertr√§glich blamable Erinnerungen auf, man sch√§mt sich wegen seiner √úberheblichkeiten und Eitelkeiten, wegen seiner Kleinheit und Schw√§chlichkeit. Schlie√ülich bef√ľrchten wir auch die Aufl√∂sung der Pers√∂nlichkeit und den "Ich-Tod". Diese dunklen, √§ngstigenden Erfahrungen schrecken die meisten Menschen auf dem Wege zu sich selbst ab. Sie m√∂chten sich stattdessen am liebsten mit Hilfe transpersonaler Verfahren sogleich nach "oben" gen Himmel schwingen und verleugnen dabei doch nur einen wesentlichen Aspekt von sich selbst. 

Der Drachenkampf: Vorstoßen ins Zentrum der existenziellen Angst

In Mythen und Märchen wird unsere Angst vor dem bedrohlichen Unbekannten häufig durch eine drachenähnliche Figur dargestellt. Der Drache ist ein äußerst vieldeutiges, archaisches Symbol. Deshalb lässt er sich auf die unterschiedlichsten Mächte, die dem Menschen als gefährliches und lebenshemmendes Problem erscheinen, beziehen: beispielsweise auf die Naturgewalten, ein schweres Lebensschicksal, gefangensetzenden Bann der Eltern, auf das Unbekannte, Dunkle und Böse in der Menschheit oder in der eigenen Seele oder auf den Tod.

 

Abb.: Drachenkampf

Wenn wir uns vor Augen f√ľhren, was in den Bildern der Vergangenheit und Gegenwart assoziativ alles mit dem Drachen verbunden wird: Leere, Abgrund, Tiefe, Chaos, Dunkelheit, Katastrophen, Weltuntergang, t√∂dliche, verschlingende Bedrohung, ekel- und schreckenerregende Gestalt, Gift, Feuer und Lava, dann sehen wir, dass er eine Projektionsgestalt der Menschheit f√ľr ihr Grundgef√ľhl der dauernden Gef√§hrdung sowohl in der Au√üenwelt wie auch in der psychophysischen Innenwelt ist. Im Drachen hat sich alles in einer Gestalt verbildlicht und verdichtet, was der Mensch sich als Ausdruck seiner existentiellen √Ąngste vorstellen konnte. Deshalb weisen auch andere schreckenerregende Gestalten der menschlichen Phantasie, die D√§monen, Teufel, Hexen, b√∂se Gottheiten, die Horrorfiguren und Ungeheuer, die Aliens aus dem Weltall, meist enge Parallelen zum Drachenbild auf.

Diese √Ąngste und Gef√§hrdungen des Lebens, die sich in allen Zeiten und in allen Kulturen in √§hnlichen bildhaften Gestalten dargestellt haben, sind allgemein-menschliche Grunderfahrungen. Leicht l√§sst sich zeigen, dass auch unsere Phantasie ganz √§hnliche drachenartige Bilder spontan hervorbringt, wenn wir uns in entsprechenden archetypischen Konfliktsituationen befinden. Dabei greift sie manchmal auf richtige archaische Drachengestalten zur√ľck, manchmal passt sie sich aber auch den Entwicklungen des technischen Zeitalters an. Panzer, die durch das Dickicht brechen, Dampflokomotiven, die rauchend und schnaufend aus der H√∂hle des Tunnels hervorkommen, Tiefflieger, die mit m√∂rderischem L√§rm √ľber unsere K√∂pfe hinwegfauchen, k√∂nnen in unseren Tr√§umen bedrohlich erscheinende Energien symbolisieren. In modernen Action- und Katastrophenfilmen erscheint der Drache oft als Drohung einer globalen Vernichtung, die durch den Helden in letzter Sekunde verhindert wird. Die "Drachenh√∂hle" ist dann manchmal ein gigantischer, futuristischer, geheimer Ort unter der Erde, unter dem Wasser oder auch im Weltall, wo das Zentrum der b√∂sen Macht wohnt. Die Bedrohung kann aber auch von Meteoren, Vulkanen, Flutwellen, Wirbelst√ľrmen, Erdbeben und nicht zuletzt von dem Ungeheuer Godzilla, einem Symbol der sich r√§chenden, entfesselnden Naturmacht, ausgehen.

Aber auch das "gew√∂hnliche" Leben f√ľhrt den Menschen in den verschiedenen Altersstufen immer wieder vor neue, unbekannte Situationen, die ihm Angst machen und in denen er sein Scheitern bef√ľrchtet: Schule, Pr√ľfungen, Beziehungen zu andern Menschen und zum anderen, fremden Geschlecht, Sexualit√§t, Beruf, Geburt eigener Kinder, √Ąlterwerden, Trennungen, Krankheiten, Unf√§lle, Tod. Hinter diesen bedrohlichen Situationen scheint der gro√üe Drache zu lauern, der uns zu verschlingen droht, der das orientierende Licht unseres Bewusstseins verdunkelt, unsere Handlungsf√§higkeit hemmt und unseren Lebenssinn zerst√∂rt.

Gl√ľcklicherweise ist der Drache aber manchmal nur deshalb so gef√§hrlich, weil wir vor ihm fliehen. Hinter dem, was wir als Chaos, Unbekanntes und Fremdes f√ľrchten, k√∂nnen h√§ufig auch neue Entwicklungsm√∂glichkeiten stehen, latente, unbewusste Aspekte unseres Selbst, die wir uns noch nicht vertraut gemacht haben. Fr√ľher malte man auf den Landkarten an den Grenzen, wo das noch unerforschte Gebiet begann, einen Drachen. Man sagte gewisserma√üen: Das ist gef√§hrliches, fremdes Gebiet, hier hausen Drachen, deshalb wird es nicht weiter erkundet. Aber die Heldenerz√§hlungen ermutigen dazu, uns der Angst vor dem Neuen und Unbekannten zu stellen und den Drachenkampf immer wieder zu wagen, damit das Hemmende √ľberwunden, das Neue gefunden werden und das Leben weitergehen kann.

Drachenkampf hei√üt vor allem Angst√ľberwindung. Angst√ľberwindung vor dem Leben drau√üen, Angst√ľberwindung vor dem Leben innen, dem unbekannten Leben in unserer unbewussten Seele. Allerdings legt uns das Wort "Kampf" nahe, mehr an besiegen und t√∂ten zu denken als an √ľberwinden und integrieren. √Ąngste aber sind nat√ľrliche, menschliche Reaktionen, die wir zur gesunden Lebensorientierung brauchen. Der beste Umgang mit ihnen ist deshalb nicht ihre Unterdr√ľckung oder Abt√∂tung, sondern ihr Zulassen, die aktive Auseinandersetzung mit ihnen.

Die Psychologie hat viele Methoden daf√ľr entwickelt, was wir tun k√∂nnen, wenn wir vor etwas Angst haben. Vor allem hilft uns nat√ľrlich das offene und ehrliche Gespr√§ch mit einem anderen Menschen, dem wir unsere √Ąngste anvertrauen und der bereit ist, ihnen mit uns gemeinsam "ins Auge zu schauen". Allein die Erfahrung des An- und Aussprechens der Angst ist meist schon sehr hilfreich. Au√üerdem erleben wir dann meist auch, dass der andere Mensch die Situation nicht ganz so bedrohlich empfindet, wie wir selbst. Das beruhigt uns und hilft uns, Abstand zu gewinnen.

Wenn wir keinen Menschen haben, mit dem wir sprechen k√∂nnen, k√∂nnen wir allein versuchen, uns der Angst zu stellen: Wir setzen uns in einen ruhigen Raum, in dem wir nicht gest√∂rt werden, entspannen uns - vielleicht mit der Unterst√ľtzung bei leiser Musik - und n√§hern uns unserer Angst, "dem Drachen", ganz vorsichtig. Wir erkunden sie. Wir bewegen uns um die Angst herum, bis wir immer deutlicher sp√ľren, was in ihrem Zentrum ist. Wir fragen uns, wovor wir eigentlich wirklich Angst haben, geben dieser vielleicht "namenlosen" Angst einen Namen und phantasieren uns aus, was denn schlimmstenfalls passieren k√∂nnte. Indem wir gerade das Schlimmste in unserer Vorstellung zulassen und immer wieder von allen Seiten ruhig betrachten, dar√ľber nachdenken, es niederschreiben, malen oder k√ľnstlerisch gestalten, gew√∂hnen wir uns an die bef√ľrchtete Situation. Durch die entspannte, distanzierte Betrachtung wird die Angst allm√§hlich geringer, so dass wir es wagen, uns andere Verhaltensweisen als Flucht oder Erstarrung auszudenken und auszuprobieren.

Nat√ľrlich muss man dabei in kleinen, bew√§ltigbaren Schritten vorgehen, also sich nur mit solchen √Ąngsten besch√§ftigen, die man noch aushalten kann. Beim klassischen Desensibilisieren, einem Standardverfahren der Verhaltenstherapie, das insbesondere gegen √Ąngste eingesetzt wird, stellt man zuerst eine Angsthierarchie auf. Man stellt die wichtigsten Situationen zusammen, in denen die Angst auftritt und ordnet sie dann in eine Rangreihe. Die Situationen, die am wenigsten Angst bereiten, kommen an erster Stelle, die schwierigsten zuletzt. Dann beginnt man mit der ersten, einfachsten Situation. Man konfrontiert sich mit der Angst solange, bis man sie bew√§ltigt, d.h. bis man der Situation einigerma√üen entspannt entgegentreten und ad√§quate Verhaltensweisen zeigen kann. Dann geht man zur n√§chstschwierigen Situation. Dieses Vorgehen wird sowohl in der Phantasie als auch in der Realit√§t durchgef√ľhrt.

Das wiederholte Hineinwagen in unsere Angst gleicht dem Baden im Drachenblut, wie wir es aus der Siegfriedsage kennen, wodurch Siegfried (bis auf eine kleine Stelle am R√ľcken) unverwundbar wird. Indem wir das Essentielle dessen integrieren, was uns zuvor f√ľrchten gemacht hat - handele es sich dabei um noch nicht bewusste und ungelebte Seiten unseres Selbst oder um ungewohnte √§u√üere Erfahrungen -, wird uns die √úberwindung des Angst-Drachens zum Schatz des erweiterten Bewusstseins und neuer Lebensm√∂glichkeiten f√ľhren.

Die hier im Drachen latent vorhandene positive, sch√∂pferische Kraft kommt au√üer in einigen uns bekannten westlichen Drachent√∂tergeschichten besonders in den Drachenvorstellungen Indiens, Chinas und Japans vor. Dort ist der Drache ein Symbol der Fruchtbarkeit und sch√∂pferischen Kraft, des langen Lebens, des Gl√ľcks und der Weisheit. 

Der Sieg

Nach hartem, oft fast t√∂dlich verlaufendem Kampf vermag der Held diese feindliche Drachen-Macht zu √ľberwinden, oft mehr mit Hilfe einer gl√ľcklichen F√ľgung, als durch eigene Kraft. Danach gewinnen sie einen Schatz (Gold, K√∂nigreich, Erkenntnis, Ber√ľhmtheit) und einen Partner mit denen sie sich in Liebe verbinden und ein Kind zeugen. Unter psychologischem Gesichtspunkt bedeutet dieser Schatz die Entwicklung und Erweiterung unserer Pers√∂nlichkeit, z.B. die Integration der gegengeschlechtlichen Anteile, der Zugang zu unserem sch√∂pferischen Potential oder die Bewusstwerdung der Ganzheit des Selbst.

Was f√ľr die "gro√üen" Dachenk√§mpfe gilt, gilt auch f√ľr die kleineren Konflikte und Auseinandersetzungen im Alltag: Wenn wir es wagen, in einem positiven Sinne konfliktfreudiger zu werden, uns mutig in neue, noch unvertraute Situationen hinein zu begeben und immer wieder einen kleinen "Heldenkampf" zu riskieren, dann werden wir auch immer wieder einen Schatz finden: eine neue Erfahrung und Einsicht, wachsendes Selbstvertrauen und festere Identit√§t, mehr Beziehungs- und Liebesf√§higkeit und vor allem: das Gef√ľhl, intensiv am Leben teilzuhaben.

Interessanterweise hat sich in der Gl√ľcksforschung herausgestellt, dass wir die intensivsten Gl√ľckserfahrungen dann haben k√∂nnen, wenn wir uns in einer Situation befinden, die in vielerlei Hinsicht Aspekte der Heldenfahrt und des HEROS-Faktors aufweist.

Der von dem amerikanischen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi gepr√§gte Begriff des "Flow" (engl. Flie√üen) ist eine Bezeichnung f√ľr das Gef√ľhl scheinbar m√ľhelos flie√üender Bewegung, das man haben kann, wenn man ganz in einer sch√∂pferischen Handlung aufgeht. Unter bestimmten g√ľnstigen Bedingungen werden Handeln und Bewusstsein eins. Das eigene Ich-Bewusstsein verschwindet, man ist nur noch mit allen Sinnen und allen Gedanken auf die Handlung und das Ziel ausgerichtet. Man ist so in die T√§tigkeit vertieft, dass sie spontan und fast wie von selbst verl√§uft. Es ist eine gl√ľckselige Versunkenheit in das eigene Tun, obwohl es mit hohem Energieeinsatz und hoher Leistung verbunden sein kann. Die Energie flie√üt frei und man hat eine ver√§nderte Zeitwahrnehmung: Ein Gef√ľhl von Zeitlosigkeit, Ewigkeit, Gegenw√§rtigkeit oder auch ein Gef√ľhl des sehr schnellen Verstreichens der Zeit mit dem Bedauern hinterher, dass es schon wieder vorbei ist. Die √ľblichen Grenzen des Selbsterlebens k√∂nnen dabei erweitert und ausgedehnt sein bis zu einem Erleben von Einheit und Verschmelzung mit der Situation, der Umwelt, den Mitmenschen zu einem gro√üen, gemeinsamen Organismus. Ein Bergsteiger berichtet:

Kein Ort, welcher in h√∂herem Ma√üe das Beste aus dem Menschen herausholt...als eine Klettersituation. Niemand hetzt dich, unter gr√∂√üten geistigen und k√∂rperlichen Anstrengungen den Gipfel zu erreichen...Deine Kameraden sind da, aber ihr f√ľhlt ja alle dasselbe, ihr seid alle drin. Wem kann man im zwanzigsten Jahrhundert mehr vertrauen als diesen Leuten? Leute, welche dieselbe Selbstdisziplin anstreben wie du...welche die wahrhaft tiefe Beteiligung suchen...Ein solches Band zu anderen Menschen ist allein schon eine Ekstase.[4]

Solche Aktivit√§ten, die Csikszentmihalyi "autotelisch" nennt - das meint eine sich selbst gen√ľgende Aktivit√§t, die ihr eigenes Ziel ist, die in sich selbst befriedigend, lohnend, motivierend ist - hat er besonders bei Sportlern (z.B. Bergsteigern, T√§nzern, Schachspielern), Wissenschaftlern und K√ľnstlern untersucht. Sie k√∂nnen aber auch bei ganz allt√§glichen Handlungen auftreten (z.B. beim Lesen, beim Kochen, beim geselligen Zusammensein mit Freunden, bei Hobbies etc.), wenn bestimmte Bedingungen erf√ľllt sind.

Damit eine Handlung in einen solchen Flowzustand √ľbergehen kann, muss sie eine gewisse Herausforderung an uns stellen, sie muss ein Ziel haben und in gewissem Rahmen √ľberschaubar und geordnet sein. Die Tiefe der konzentrierten Erfahrung h√§ngt mit der Klarheit der Ziele und der unmittelbaren R√ľckmeldung zusammen, ob wir uns auf dem richtigen Weg befinden und das Ziel erreicht werden kann. Wenn die Aufgabe zu leicht ist, dann langweilen wir uns, wenn sie zu schwer ist, blockiert uns die Versagensangst. Sie muss von uns bestimmte F√§higkeiten fordern, √ľber die wir verf√ľgen und die wir im Laufe der Erfahrung weiterentwickeln. Wir m√ľssen lernen und wachsen, f√§higer und geschickter werden k√∂nnen.

Wenn sich diese Aspekte miteinander verbinden, dann erleben wir die sch√∂nsten Augenblicke unseres Lebens. Wir erleben die tiefe Befriedigung, sch√∂pferisch, wirksam und f√§hig zu sein. Hohe Konzentration, Sammlung und Selbstversunkenheit verbinden sich mit Engagement, Freude und begl√ľckendem Erfolgserleben. Wir genie√üen es, in einer solchen Situation unsere F√§higkeiten und unsere Lebendigkeit sp√ľren zu k√∂nnen. Wir erleben dann, dass das Leben und unser inneres Selbst, wenn sie sich frei zu entfalten verm√∂gen, im Innersten Freude und Ekstase sind.