Aspekte und Symbole des EROS-Prinzips

Der Begriff EROS ist hier im ganz umfassenden Sinne gemeint. Er ist eine Bezeichnung f├╝r jene Aspekte des Lebens und jene Seiten von uns, die mit Beziehung und Verbundenheit, mit Liebe, Sexualit├Ąt und Leidenschaft, aber auch mit Harmonie, Sch├Ânheit und Freude zu tun haben. W├Ąhrend das heroische Prinzip die Autonomie, die Trennung und Auseinandersetzung, damit auch den Konflikt und die Aggression betont, steht im erotischen Prinzip die Verbundenheit und das Streben nach Vereinigung mit dem anderen Menschen, mit der Natur, dem Leben, ja der ganzen Existenz im Mittelpunkt.

Es gibt unterschiedlichste Formen des EROS, die von den elementarsten, materiellsten Formen der Anziehung (z.B. als Schwerkraft oder der Elektronen in einem Atom) ├╝ber die instinktiv-animalischen einer nur biologischen Sexualit├Ąt bis zu den geistig-transzendentalen Formen der "Mystischen Hochzeit" und des "Hieros-Gamos" reichen.

In vielen philosophischen und religi├Âsen Systemen besteht die Neigung, gute, h├Âhere und reinere Formen der Liebe, die sich beispielsweise als Agape (Zuneigung, Liebe, Achtung) oder als Caritas (N├Ąchstenliebe, Mitgef├╝hl und Barmherzigkeit) zeigen, von den niederen, l├╝sternen und teuflischen Formen der Begierde, der Fleisches- und Wolllust abzutrennen. So sinnvoll eine Differenzierung der verschiedenen Aspekte des EROS f├╝r die Entwicklung des Bewusstseins und der Kultur ist, so hat sich die Spaltung des EROS in einen oberen, guten und einen unteren, schlechten - letztlich wie bei allen Spaltungen elementarer Polarit├Ąten - als verh├Ąngnisvoll f├╝r unsere Beziehung zur Materie, zum K├Ârper, zur Erde und zur Natur erwiesen.

Unsere Gesellschaft und Kultur leidet aufgrund dieser abwertenden Gut-Schlecht-Trennung noch heute an einem guten Bezug zum ganzen EROS, am Fehlen eines liebevollen sich Verbundenf├╝hlens mit der Sch├Âpfung, die sich f├╝r uns eben auch und vor allem durch die Materie und den K├Ârper offenbart. Die Sexualit├Ąt sowohl in ihren elementaren wie auch differenzierten Formen ist der direkteste Ausdruck des Sch├Âpferischen des Lebens und des Universums. In der Sexualit├Ąt hat sich die Energie der Evolution einen Weg geschaffen, sich in immer neuen Formen und Varianten zu offenbaren, und wir nehmen in ihr Anteil an dieser Kraft. Was k├Ânnte es Sch├Âpferischeres geben?

Das Erotische hatte lange Zeit keinen Raum in unserer Gesellschaft, es ├╝berwogen rationale und heroische Aspekte. Die zerst├Ârerische Kraft zweier Weltkriege und die ungebremste Umweltzerst├Ârung haben uns den Glauben an das Gute, Sch├Âne und Wahre genommen. Und dennoch: Wo anders k├Ânnte eine wirkliche Ver├Ąnderung herkommen als aus einem Herzen, das sich mit der Sch├Âpfung liebend verbunden f├╝hlt?

Der g├Âttliche EROS als Sch├Âpfungskraft

Nach alten mythologischen Vorstellungen der Griechen war es der Gott Eros, der das Leben auf der Welt schuf. Die Erde war noch kahl und leblos, stumm und starr, und Eros schoss seine lebensspendenden Pfeile in die Erde, worauf sie sich mit ├╝ppigem Gr├╝n bedeckte. Die phallischen, befruchtenden Pfeile erweckten das Leben, die Freude und die Bewegung. Eros blies auch den irdenen Gestalten von Mann und Frau, ├Ąhnlich wie der christliche Sch├Âpfergott, den Geist des Lebens ein.

Im Mythos wird Eros oft mit Pfeil und Bogen dargestellt. Mit den Pfeilen trifft er G├Âtter und Menschen, die darauf hin von Liebessehnsucht, Wonne und Liebesschmerz heimgesucht werden. Hier ist auch die nahe Beziehung zum HEROS-Prinzip sp├╝rbar. Sehnsucht ist ein wesentliches Merkmal der Wirkungen des Eros. Die Sehnsucht nach dem geliebten anderen und die in seiner Gegenwart erlebte Liebeswonne bef├Ąhigt Menschen zu unglaublichen Leistungen, zum Aushalten von Entbehrungen und Schmerzen, zum Kampf und zur List, zum Leben im Verborgenen und in der Illegalit├Ąt.

Eros symbolisiert aber nicht nur die Sehnsucht nach dem Geliebten oder der Geliebten, nicht nur sexuelle Kraft der Fortpflanzung, er ist vor auch eine Energie, die sich in der Sehnsucht und in dem gl├╝henden Verlangen nach dem edlen und h├Âheren Leben, dem Sch├Ânen, Wahren und Guten,  wie auch nach Selbstverwirklichung manifestiert. Er zeigt sich deshalb auch besonders in der Freude, in der Begeisterung, in der Leidenschaft f├╝r die Kunst, die Philosophie und die Wissenschaft wie f├╝r alle Dinge, die wir mit dem ganzen Herzen tun.

Eros wird zudem als ein D├Ąmon gesehen, dessen Gegend├Ąmon Apathie ist. Das D├Ąmonische meint in diesem Fall den sch├Âpferischen, ├╝berm├Ąchtigen Drang jedes Wesens nach intensivem Selbstausdruck.  Die griechischen Philosophen hielten die D├Ąmonen f├╝r den g├Âttlichen Teil des Menschen oder f├╝r die g├Âttliche Stimme in ihm. Nach Aristoteles konnten Gl├╝ckseligkeit (Eud├Ąmonie) nur jene erlangen, die mit ihrem D├Ąmon in Harmonie lebten. Der d├Ąmonische Drang kann Menschen aber auch in aussichtslose Situationen treiben, die sie selbst und andere zerst├Âren. Von dieser Tragik sind viele der gro├čen Dichtungen der Weltliteratur bestimmt, Paris und Helena, Tristan und Isolde, Romeo und Julia. Diese doppelte Natur des Eros, seine lebensschaffende wie lebenszerst├Ârende d├Ąmonische Seite wird auch in manchen antiken Darstellungen gezeigt, in denen z. B. Psyche (die Seele) ein von Eros gefangen gehaltener und gequ├Ąlter Schmetterling ist, deren Fl├╝gel er mit seiner Fackel verbrennt.

Im sp├Ąteren griechischen Mythos wird Eros meist als das zweite Kind der Liebesg├Âttin Aphrodite und des Kriegsgottes Ares dargestellt. Er blieb solange ein kleines Baby mit zarten Fl├╝geln und einem schalkhaften Gesicht, bis ihm sein Bruder AntEros (Leidenschaft) geboren wurde. Erst in der Beziehung zu diesem Bruder wuchs er zum J├╝ngling heran.  

Der Zauber der Venus

Abb.: Aphrodite

Aphrodite (r├Âmisch Venus) ist die griechische G├Âttin der Liebe und der Sch├Ânheit, aber auch der Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt. Aphrodite ist ausgestattet mit allen verf├╝hrerischen weiblichen Reizen. Kleider, sonstiger Schmuck, Blumen und D├╝fte, Lust, Freude, Lachen, das Leichte und Spielerische und die sch├Ânen K├╝nste, das Heitere und Harmonische, der Glanz, das Gold und der Luxus werden mit ihr verbunden.

Wo Aphrodite ist, ist Beziehung zur Natur, zum eigenen K├Ârper und seinen Trieben und Bed├╝rfnissen, Z├Ąrtlichkeit und Offenheit. Deshalb w├Ąchst und gedeiht auch alles leicht in ihrer Umgebung. ├ťberhaupt ist die Umgebung Aphrodites eine sch├Âne Umgebung und wo Aphrodite fehlt, ist der Mangel an Liebe, Freude und Sch├Ânheit auch ├Ąu├čerlich unmittelbar sichtbar an der fehlender ├ästhetik, der fehlenden Pflege, den fehlenden Farben. Aphrodite liebt Kinder, ihre Lebendigkeit, ihr Spiel und ihr Lachen, und sie wird auch selber manchmal wie ein junges M├Ądchen, lachend und plappernd dargestellt. Lachen, Freude ├╝ber den anderen und Freundlichkeit sind ja Ausdruck unserer Liebe zu Kindern wie auch zugleich Attribute der Liebe ├╝berhaupt. Und Lachen ist eines der sichersten Mittel, einen anderen Menschen zu gewinnen.

Aphrodite ist auch eine leidenschaftliche Geliebte und Mutter. Sie hat mit unterschiedlichen G├Âttern eine Vielzahl von Kindern. Mit Ares hat sie Harmonia, AntEros (Leidenschaft), Phobos und Deimos (Furcht und Schrecken). Aus der Verbindung mit Hermes entsteht der doppelgeschlechtliche Hermaphrodit, manchmal wird auch Eros dieser Verbindung zugeordnet. Mit Hermes verbindet sie auch, dass sie die direkte Konfrontation und den direkten Kampf gerne meidet, wenn die Gegner st├Ąrker sind. Stattdessen greift sie zu weiblicher Klugheit, zu List und Verf├╝hrung, um Konflikte zu l├Âsen. Dabei tut sie das nicht aus einem Gef├╝hl weiblicher Schw├Ąche und Unemanzipiertheit heraus, sondern aus der Einsicht, dass ein Kampf mit einem ├╝berlegenen Gegner oft nicht sinnvoll ist. Wenn sie beleidigt wird, r├Ącht sie sich, schl├Ągt ihre Opfer mit Impotenz, Frigidit├Ąt, Ekel, Nymphomanie oder Wahnsinn.

Als Schaumgeborene wird Aphrodite h├Ąufig bezeichnet, weil sie den Wellen des Meeres entsteigt. Zugleich ist sie eine Tochter des Himmels, entstanden aus dem abgeschnittenen, ins Meer geworfenen Phallus von Uranos, dem Himmelsgott und ├Ąltestem der G├Âtter. So verbindet sie das Flie├čende des Wassers und das Str├Âmen k├Ârperlicher Energien mit den himmlischen H├Âhen des Geistigen und Erhabenen. Die Griechen unterschieden auch eine Aphrodite Urania (die Himmlische), welche die vollkommene, ├╝bersinnliche Liebe repr├Ąsentierte, von der Aphrodite Pandemus. Letztere war der irdische, sinnliche Aspekt der Liebe und der Sexualit├Ąt. Im Christentum begegnen uns diese zwei Aspekte in der Teilung der Liebe in Agape und Eros.

In den letzten zwei Jahrtausenden hat sich unter dem Einfluss nicht zuletzt des Christentums und des Islam das Verh├Ąltnis zu EROS im Sinne von Sch├Ânheit, Freude, Sexualit├Ąt, Liebe, Ekstase stark ver├Ąndert, weil k├Ârperliche Liebe - und damit auch die dazu verf├╝hrende k├Ârperliche Sch├Ânheit - immer mehr als nur instinktiv, primitiv, tierisch betrachtet wurde. Das antike Verst├Ąndnis, das Eros, Aphrodite, und Dionysos g├Âttliche Energie zuspricht, an der der Mensch teilhat, wenn er - auch k├Ârperlich - liebt, ging weitgehend verloren. Der Mensch als aus dem G├Âttlichen kommend, die Liebe als g├Âttlich oder auch als Himmelsmacht, die Sexualit├Ąt als dionysischer, ekstatischer Rausch, die Sch├Ânheit in all ihren m├Âglichen verschiedenen Formen als Attribut und Geschenk der Aphrodite, diese Sichtweise verschwand, und das machte das Leben der Menschen arm, grau, dunkel. Auch die sexuelle Aufkl├Ąrung und Revolution, die sich doch gegen die Verteuflung des K├Ârpers und der k├Ârperlichen Liebe wandte, hat uns Eros, Dionysos und Aphrodite nicht unbedingt n├Ąher gebracht. Vermutlich sind wir zun├Ąchst in die f├╝r den HEROS und LOGOS typische Falle der Technisierung und Reduzierung gegangen, in dem die Befreiung des EROS auf ein rein technisch zu l├Âsendes, biologisches Problem reduziert wurde.  

Die Leichtigkeit des Seins

"Ich bin unterwegs in einem Dorf. Es sind viele Leute unterwegs. Ein M├Ądchen hat viele Blumen und Fr├╝chte mitgebracht. Ich hielt zwei Fr├╝chte in der Hand, die mir unbekannt waren. Es war eine m├Ąnnliche und eine weibliche Frucht. Eine sah aus wie ein Maiskolben, aber weicher und beweglicher. Ihre Farbe war goldgelb-braun. Es war faszinierend, sie zu betrachten. Pl├Âtzlich wurde ein Lied angestimmt auf Italienisch. Keiner schien mitsingen zu k├Ânnen. Ich konnte es identifizieren und summte die Melodie mit. An den Stellen des Refrain fiel mir der deutsche Text ein: "Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald, lasset uns singen, tanzen und springen, Fr├╝hling, Fr├╝hling wird es nun bald." Ich h├Ârte meine Stimme, die immer reiner, glockenheller wurde (Meine Stimme ist in Wirklichkeit eher rauh, kratzig und kann keine Melodie halten). Es war im Traum ein wundersch├Ânes Gef├╝hl, so klar singen zu k├Ânnen. Ein Gef├╝hl von Mut und wachsende Sicherheit stand dahinter." (Traum einer Frau, 47 J.)

In den Tr├Ąumen wie in vielen Mythen, M├Ąrchen und Erz├Ąhlungen l├Ąsst sich das Erscheinen des EROS leicht erkennen. Meist sind es Anfangs-, Licht-, Farb-, Natur- Feier- und Vereinigungssymbole: der Fr├╝hling, die Blumen, Fr├╝chte, das Kind, das Gr├╝nende und Farbige, die D├Ąmmerung und der Tag, die fr├╝he Sonne und das Licht, die Herstellung eines guten Kontaktes zu Mitmenschen, das gesellige, feiernde Beisammensein, der Gesang, der Tanz, die Feier. Mit diesen Aspekten sind oft starke Entwicklungs- und Wachstumstendenzen verbunden. Diese sind sichtbar an neuen, manchmal phantastischen Elementen, an vitalen, nat├╝rlichen Lebensformen (Farben, Pflanzen, Tieren, Kindern, Sexualit├Ąt), an lustvoller Bewegung, die sich in manchen Tr├Ąumen bis zum Fliegen steigert. Die seelische Energie bewegt sich in irgendeiner Weise vorw├Ąrts, aufw├Ąrts. Gef├╝hle und Bed├╝rfnisse werden spontaner und direkter zum Ausdruck gebracht. Das Selbstwertgef├╝hl verbessert sich, weil man sich im Einklang mit einer der gro├čen Urkr├Ąfte des Lebens f├╝hlt. Man f├╝hlt sich attraktiv, liebenswert und mag andere Menschen. Das Herz ├Âffnet sich. 

Das Herz

Das Herz bietet sich f├╝r die erotische Dimension des Lebens als Grundsymbol geradezu an, denn es ist ja das Symbol des f├╝hlenden Lebendigseins ├╝berhaupt. Wenn es uns gut geht, "dann lacht und h├╝pft das Herz uns im Leibe". Im Herzen werden auch die verbindenden Aspekte des EROS sehr deutlich zum Ausdruck gebracht: Es besteht ja aus zwei H├Ąlften, die zusammengewachsen sind. Das Herz ist die verk├Ârperte Zwei-Einheit, die Vereinigung der Gegens├Ątze. Im Ur-Rhythmus des Ein und Aus, des Sich-├ľffnens und Sich-Schlie├čens, des Aufnehmens und Sich-Verstr├Âmens, pulsiert das ganze Leben, das ganze Universum. In seiner Form deutet sich auch das Prinzip des Dreiecks und der Dreizahl an, dessen Hauptbedeutung ja die Vereinigung zweier Polarit├Ąten in einem dritten Punkt ist. In vielen Sprichw├Ârtern und Redensarten, aber nat├╝rlich auch in unendlich vielen literarischen Gestaltungen, wird das Herz mit ganz wesentlichen Seiten von uns in Verbindung gebracht, Seiten, die eigentlich das wahre Menschliche von uns ausmachen, die unsere innerste Wahrheit und Essenz ausdr├╝cken. Was wir von "ganzem Herzen" tun, tun wir mit vollster Seele, ganzer Hingabe und hoher Intensit├Ąt. Nichts halten wir zur├╝ck. Wenn wir einander von "Herz zu Herz" begegnen, dann zeigen wir einander unsere intimsten, pers├Ânlichsten Seiten, wir ├Âffnen uns dem anderen in unseren tiefsten Sehns├╝chten und W├╝nschen, aber auch gr├Â├čten ├ängsten und Unsicherheiten. In einer solchen tiefen Liebesbeziehung k├Ânnen wir so sein, wie wir sind. Wir brauchen uns nicht mehr zu verbergen, nicht mehr unserer Eigenart und Merkw├╝rdigkeiten zu sch├Ąmen, wir brauchen keine Leistungen mehr zu erbringen, um Anerkennung zu erhalten. Es gibt keinen Vorbehalt.

Was nicht oft genug wiederholt werden kann: alle Faktoren des Pentaolon-Systems sind auf vielf├Ąltige Weise miteinander verwoben und verbunden. Wie der heroische, phallische Pfeil des Aufbruchs in der Abtrennung vom Alten und Hergebrachten gerade auch wieder die Vereinigung mit dem Neuen und Unbekannten sucht, und auf diese Weise auch als leidenschaftliche Kraft, die auf Vereinigung dr├Ąngt, gesehen werden kann, liegt in der Symbolik des Herzens auch etwas Heroisches, das sich in der Treue zu sich selbst zeigt oder in einem gegebenen Versprechen, in der Wahrhaftigkeit (wir legen unsere Hand aufs Herz, wenn wir unsere Aufrichtigkeit und Integrit├Ąt bekunden wollen) oder im Mut.

Auch in der Farbe des Herzens, dem Rot, zeigt sich die Ann├Ąherung der beiden Prinzipien. Rot ist die intensivste Farbe, die wir kennen, die "farbigste" aller Farben. Sie erregt hohe Aufmerksamkeit und signalisiert Gefahr. Sie erinnert an Blut und Feuer, damit auch an die st├Ąrksten Emotionen, die wir erleben k├Ânnen: Hass und Liebe. Blut und Feuer sind zentrale Symbole des Heros, des Bios wie des Erotischen. Wenn unsere Leidenschaft "entflammt" und das Feuer der Liebe "entfacht" ist, dann ger├Ąt unser Blut in Wallung und wir sind zu allem bereit. Die Liebe macht uns dann blind, in negativer wie positiver Hinsicht. In der Gralslegende wird das Blut Christi, das im Gralgef├Ą├č aufgefangen und bewahrt wurde, zu einem Symbol der g├Âttlichen Liebes- und Lebensessenz schlechthin.

Das Herz-Blut erinnert auch an Opfer, Leiden, Schmerzen, an Trauer, Trennung und Verlust. Nichts trifft uns so sehr, wie wenn wir von einem Menschen, dem wir uns ge├Âffnet und anvertraut haben, entt├Ąuscht, verraten oder betrogen werden. Wenn sich das Heroische und das Erotische begegnen, dann gibt es eben auch Verwundungen und Verletzungen.

Die Liebespfeile Amors symbolisieren allerdings nicht nur die Schmerzen und Verletzungen, die mit unseren Liebeserfahrungen verbunden sind, sondern auch das ├ťberraschende und Blitzartige der Liebe, die uns v├Âllig unerwartet auch dort treffen kann, wo wir sie gar nicht erwartet oder erhofft h├Ątten. Wie es kommt, dass sich zwei Menschen "auf den ersten Blick" verlieben, dabei die h├Âchsten H├Âhen (siebter Himmel) des Gl├╝cks wie auch die tiefsten Tiefen der Scham und Verzweiflung erleben k├Ânnen, ist ein Ph├Ąnomen, dass bis heute nicht erkl├Ąrt ist. Es erscheint uns als ein Mysterium, eine Gnade, ein Zauber oder auch als Fluch, der von G├Âttern gesandt wurde und dessen Macht wir uns nicht entziehen k├Ânnen, wenn wir davon getroffen wurden. Liebe kann eben nicht gemacht, nicht erzwungen werden, sondern sie ereignet sich nach ihren eigenen, uns bisher nicht zug├Ąnglichen Gesetzm├Ą├čigkeiten. Wir k├Ânnen uns ihr gegen├╝ber nur ├Âffnen, wenn sie sich ereignet.

Dass der Liebespfeile schie├čende Amor in unserer Kultur ein Knabe und Kind ist, weist noch auf einen anderen wichtigen Aspekt der Liebe hin: In der Liebe gewinnen wir besonders leicht Anschluss an das innere und g├Âttliche Kind in uns. In der Liebe f├╝hlen wir uns wie verj├╝ngt, lebendig, frisch, kreativ, begeisterungsf├Ąhig, frei von Dogmen, Vorurteilen, Grenzen, gesellschaftlichen Konventionen. Alles ger├Ąt ins Flie├čen, weshalb die Quelle, das flie├čende Wasser h├Ąufig auch mit dem Erotischen verbunden werden. Abgesehen davon findet ja auch die sexuelle Vereinigung in "feuchter" Umgebung statt. Hier begegnet uns noch einmal Aphrodite, die Schaumgeborene, die den Wellen des Meeres entsteigt.  

Die Faszination des weiblichen K├Ârpers

Die Symbolik des Herzens birgt aber noch weitere Dimensionen: Sie erinnert an die runden Formen des weiblichen K├Ârpers, die f├╝r M├Ąnner von unwiderstehlicher Faszination sind: die Br├╝ste, die Taille, das Becken, das Ges├Ą├č. Wenn man M├Ąnner bittet, sie sollten mit ihren H├Ąnden ein Symbol des Erotischen darstellen, dann finden sie ganz schnell zu jenen ber├╝hmten wellen- oder schlangenf├Ârmigen Bewegungen, mit denen sie den weiblichen K├Ârper nachzeichnen. Biologen vertreten in der ihnen eigenen sachlich-n├╝chternen Art die These, dass das Herz in der ├╝blichen uns bekannten stilisierten Form, die ja nur entfernt etwas mit dem realen Herzen zu tun hat, tats├Ąchlich auf die Form von Brust und Becken zur├╝ckzuf├╝hren ist. Wir wollen deshalb auch den Konturen des weiblichen K├Ârpers folgen, um an den mit ihm verbunden Phantasien das Wesen des Erotischen tiefer zu erkunden.

 

Abb. evtl. Aphrodite 2

In allen Zeiten und Kulturen war es insbesondere die Frau, ihr Aussehen, ihre Kleidung und ihr K├Ârper, die zum Inbegriff des Erotischen wurden. Fast alles an der Frau, jede Rundung und Wendung, konnte zum Hinweis und Ausdruck des Erotischen werden. Einer der Hauptgr├╝nde hierf├╝r liegt sicher darin, dass bei den meisten Frauen naturgem├Ą├č (evolution├Ąr) ein ausgepr├Ągtes Interesse an allen Dimensionen besteht, die mit emotionaler Beziehung, mit Fragen ihrer Attraktivit├Ąt und der schm├╝ckenden Ausgestaltung ihres K├Ârpers zu tun haben. Unter evolution├Ąrem Gesichtspunkt gesehen sind Sch├Ânheit und wohlgestaltete k├Ârperliche Formen n├Ąmlich ein Signal f├╝r Gesundheit und "gute Gene". Au├čerdem haben die meisten von uns ihre erste und vielleicht tiefste und begl├╝ckendste Liebeserfahrung mit einer Frau gemacht, n├Ąmlich ihrer Mutter. So ist es nur nat├╝rlich, dass wir Beziehung, Liebe und Sch├Ânheit stark mit dem Weiblichen verbinden.

Wenn wir nun ein wenig den erotischen Aspekten des nackten weiblichen K├Ârpers folgen, dann soll das nicht hei├čen, dass nicht auch der m├Ąnnliche K├Ârper attraktiv, sch├Ân und erotisch empfunden werden kann. Im Gegenteil. Es ist ein wichtiger Schritt f├╝r die m├Ąnnliche Welt, wenn sie sich der Sch├Ânheit des eigenen K├Ârpers bewusst wird und ihn auch unter diesem Aspekte zu pflegen und zu sch├Ątzen lernt. Zudem haben viele M├Ąnner durchaus einen K├Ârperbau, der dem weiblichen nahekommt. Die idealtypischen Aspekte des m├Ąnnlichen K├Ârpers (besondere Gr├Â├če, St├Ąrke, H├Ąrte, wohlproportionierte Muskeln) entsprechen aber in der Regel mehr dem heroischen Prinzip und sind von daher etwas weniger dazu geeignet, die weichen, flie├čenden Aspekte des EROS zu symbolisieren: Unsere Bed├╝rfnisse nach Hingabe, Harmonie, Verschmelzung, Einswerdung, die Erl├Âsung von aller Ich-Haftigkeit und Anstrengung in der Einheit und Ganzheit.  

Die nackte Wahrheit

Die Nacktheit symbolisiert meist unseren urspr├╝nglichen, nat├╝rlichen Zustand, so, wie wir eben sind. Sie symbolisiert damit Aspekte, die wir bereits beim Herzen als grundlegend f├╝r den EROS beschrieben haben: Die F├Ąhigkeit, sich so zu zeigen und anzunehmen, wie man ist, ohne T├Ąuschung und Verstellung. Sich dem anderen nackt zu zeigen, setzt ein gewisses Ma├č an Vertrauen in sich selbst wie in den anderen voraus. Wie immer, wenn wir uns nat├╝rlich und offen zeigen, sind wir damit auch verletzlicher f├╝r die Kritik des anderen. Daher auch unsere Scham und Angst, wenn wir uns voreinander "entbl├Â├čen". Es k├Ânnte ja sein, dass der andere uns nicht mehr attraktiv findet. Nat├╝rlich signalisiert die Nacktheit auch, dass wir unserer Sehnsucht nach N├Ąhe und Vereinigung schon sehr nahe gekommen sind. Es sind nicht mehr viele Hindernisse dazwischen.

Die Haut ist unser gr├Â├čtes Organ und wird bei weitem in ihrer Bedeutsamkeit untersch├Ątzt. Mit ihr nehmen wir in unterschiedlichster Weise Kontakt zu unserer Umwelt auf. Sie dient nicht nur dem Schutz unseres K├Ârpers vor eindringendem Schmutz und Krankheitserregern, sondern ist auch unser erotischstes Organ. Die von ihr ausgehenden Ger├╝che, D├╝fte und Lockstoffe, das Wohlbehagen des Streichelns, Reibens, Kratzens, Bei├čens, Leckens, K├╝ssens und Massierens, die sinnlich-intime Erfahrung der umfassenden Ber├╝hrung an allen Stellen, wenn wir uns beispielsweise im Wasser befinden: alle diese angenehmen Empfindungen werden uns ├╝ber die Haut vermittelt. Nat├╝rlich geh├Âren hierher auch die ber├╝hmten erogenen Zonen. Grunds├Ątzlich k├Ânnen alle Bereiche des K├Ârpers f├╝r erotische Reize empf├Ąnglich sein, ganz besonders sind es aber bei vielen Menschen der Nacken, die Ohren, der Mund, die Achselh├Âhlen, die Handinnenfl├Ąchen, die Schultern, die Brust und die Brustwarzen, der Po und die Geschlechtsorgane. Z├Ąrtliche oder kr├Ąftige Ber├╝hrungen an diesen Stellen sind bei vielen Menschen mit wonnevollen Empfindungen und Lust verbunden.  

Die offen flie├čenden Haare

Wenn wir dem nachsp├╝ren wollen, welche erotische Bedeutung lange, offen fallende, flie├čende Haare bei der Frau haben, dann k├Ânnen wir dies besonders gut, wenn wir uns diese im Gegensatz zu ganz kurzen oder zu eng verschn├╝rten und verknoteten Haaren vergegenw├Ąrtigen. Die kurzen und die sehr fest gebundenen Haare vermitteln uns h├Ąufig einen eher "sportlichen", evtl. leicht m├Ąnnlich-kontrollierten Charakter. Kurze Haare sind praktisch, bed├╝rfen keiner aufwendigen Pflege, sind in vielerlei Hinsicht "vern├╝nftig", sachlich, von ihnen kommt wenig Gefahr. Alles bleibt sch├Ân bewusst, klar und ├╝bersichtlich.

Lange Haare, besonders dann, wenn sie gerade erst ge├Âffnet werden, haben etwas Flie├čendes, Hingebungsvolles. Sie signalisieren auch eine dementsprechende Hingabe der Frauen. In der Werbung und in Filmen wird dieser Aspekt besonders betont. Wenn Frauen ihre Haare ├Âffnen, dann ├Âffnen sie sich dem Mann und seinem Begehren. Die offenen, langen Haare, seien sie heiter unschuldig blond, d├Ąmonisch schwarz, leidenschaftlich rot oder m├╝tterlich braun, signalisieren neben ihrer erotischen Bereitschaft auch eine besondere Seelentiefe, sie reichen vom Bewussten bis tief ins Unbewusste mit allen Sehns├╝chten, Hoffnungen und ├ängsten - weshalb diese Haare auch als verf├╝hrerisch-bedrohlich empfunden werden k├Ânnen. Hinter solchen Haaren verbirgt sich das ersehnte und gef├╝rchtete Mysterium des Weiblichen. 

Schau’ mir in die Augen

Augen haben auf uns eine tief faszinierende Wirkung. Allgemein symbolisieren sie Wachheit, Bewusstheit, Einsicht und Erkenntnis (vgl. LOGOS-Prinzip). Ihnen wurden aber auch zu allen Zeiten und in allen Kulturen negative "magische" Wirkungen zugeschrieben. Man glaubte, Menschen mit dem "b├Âsen" Blick k├Ânnten andere Menschen und Tiere beeinflussen, krank machen und sogar t├Âten. Noch heute sagen wir, wenn uns ein aggressiver Blick "trifft": "Wenn Blicke t├Âten k├Ânnten ..." Auch f├Ąllt es uns meist sehr schwer, den festen, starren Blick eines anderen Menschen lange auszuhalten.

Die erotischen Augen sind anders als die aktiv-kontrollierenden und beherrschenden Augen des Heroischen oder die eindringlich-analysierenden Blicke des LOGOS. Sie schauen an, um den anderen in seinem Wesen liebevoll zu erkennen und zu verstehen und auch, um sich selber f├╝r ihn anziehend zu machen, sie locken und versprechen. Es sind im besten Falle l├Ąchelnde Augen, in denen Freude und Stolz dar├╝ber zu lesen ist, dass wir existieren. "Du bist mein Augenstern, dich hab ich gar zu gern". Diesen "verliebten", lachenden Blick haben wir vielleicht erlebt in den Augen unserer Eltern, als sie sich ├╝ber unser Dasein freuten, nach diesem Blick sehnen wir uns unser Leben lang.

Das Anschauen des Gesichtes der ersten Bezugsperson und das Angeschautwerden sind f├╝r uns von allergr├Â├čter Bedeutung. Zwar spielt auch der K├Ârper- und H├Ârkontakt eine wichtige Rolle, aber besonders der best├Ąndige Blickkontakt mit den Eltern erm├Âglicht uns, ein Gef├╝hl daf├╝r zu entwickeln, was f├╝r ein Mensch wir sind. Der wichtigste Augen-Blick in unseren ersten Lebensmonaten war der, als wir an der warmen Brust der Mutter lagen und ihren liebevollen, stolzen Blick sp├╝rten. Im Angeschautwerden werden wir gesehen und erkannt und dadurch erfahren wir uns selbst.

Als Kind k├Ânnen wir kaum eine andere Identit├Ąt erwerben als die, die uns im Auge und Gesicht unserer Umwelt gespiegelt wird. Wie wir von den anderen gesehen werden, das erzeugt in hohem Ma├če das Bild von uns selbst. Werden wir von unseren Mitmenschen liebend, stolz und bewundernd angeschaut, dann werden wir uns f├╝r einen guten Menschen halten, werden wir nicht gesehen und nicht wahrgenommen, dann werden wir glauben, niemand und nichts zu sein, und werden wir widerwillig, ablehnend und verachtend angeschaut, dann f├╝hlen wir uns b├Âse, schlecht und als Versager. Im Blick der ersten Menschen unseres Lebens k├Ânnen Glanz und Elend unserer Existenz verborgen sein. In der sp├Ąteren Kindheit sagt uns dann der Blick der Eltern auch, was gut und was schlecht ist. 

Rote Lippen soll man k├╝ssen

Der Mund mit seinen weichen, warmen, roten Lippen wird von manchen Menschen als ein noch intimerer, pers├Ânlicherer Ort der erotischen Verbindung und Vereinigung empfunden als die prim├Ąren Sexualorgane. Das h├Ąngt wohl damit zusammen, dass Lippen und Zunge viel sensibler und differenzierter auf Ber├╝hrungsreize reagieren k├Ânnen. Sie sind ja in unserer fr├╝hen Kindheit zentrale Organe nicht nur zur Nahrungsaufnahme und der ersten Kontaktaufnahme mit der Mit- und Umwelt, sondern auch zu deren erster geistiger Erfassung und Erkenntnis. Als Teil unseres Kopfes sind sie zugleich n├Ąher an dem, was wir als unsere bewusste Pers├Ânlichkeit empfinden, w├Ąhrend der Unterleib in der Regel etwas "bewusstseinsferner" empfunden wird. Die Vereinigung zweier Lippenpaare, die sich einander ├Âffnen, das Ber├╝hren der Zungen - manchmal als eine Art Aufnehmen der Brustwarze oder als ein vorweggenommenes Eindringen des Phallus in die Scheide empfunden - und das Ineinanderflie├čen der angeregten S├Ąfte kann deshalb z├Ąrtlicher, inniger und erotischer erlebt werden als die vergleichsweise "primitive", undifferenzierte Vereinigung der Geschlechtsorgane.

Der Mund des anderen Menschen hat nat├╝rlich auch bedrohlichen Charakter als bei├čend, fressend und verschlingend. Die Angst vor diesem Aspekt wird aufgehoben durch das entspannte, freundliche, zugewandte L├Ącheln, das als eines der ersten Signale von uns daf├╝r interpretiert wird, dass der andere uns gegen├╝ber Interesse und Sympathie empfindet. Wenn schlie├člich nach l├Ąngerem, ├Ąngstlichen Hoffen und Warten die erl├Âsenden Worte "Ich liebe Dich" aus diesem Mund gehaucht werden, sind wir entweder zu aller weiteren Hingabe bereit oder machen uns schleunigst auf die Flucht, weil dies ja auch hei├čen k├Ânnte: "Ich habe Dich zum Fressen gern."

Nicht unerw├Ąhnt darf an dieser Stelle bleiben, dass nat├╝rlich auch die Stimme und die Worte vielf├Ąltige erotische Wirkungen auf uns haben k├Ânnen. Denken wir beispielsweise an das z├Ąrtliche Liebesgefl├╝ster, das hingehauchte "Du", die kindlichen Kosenamen, das verwirrte Liebesgestammel, die ruhige, warme, dunkle Stimme, das Singen und Summen, das lustvolle St├Âhnen, das Benutzen von frechen, obsz├Ânen Worten, die verschiedensten animalisch-archaischen Urlaute: alles dies kann unsere erotische Stimmung wecken oder vertiefen.  

Reich’ mir die Hand mein Leben

Die H├Ąnde sind in unserem Bewusstsein meistens zu allererst Werkzeuge zum Zupacken, An- und Erfassen, Gestalten, Arbeiten und Handeln und sind somit elementare Symbole des heroischen Prinzips. Aber sie sind zugleich unendlich sensibel und aufnahmef├Ąhig. Seit unseren ersten Lebenstagen erkunden wir mit ihnen die Welt, wir "be-greifen" sie, und dieses Tasten und Begreifen stellt eine der Grundlagen f├╝r die Entwicklung unserer kognitiv-intellektuellen Entwicklung dar. H├Ąnde sind vielleicht das erste, mit dem wir au├čerhalb des Mutterleibes in Ber├╝hrung kommen. Mit den H├Ąnden ber├╝hren wir die Mutter und sie uns, wir erfahren durch sie unsere Beziehung und Verbindung. An der Hand von anderen Menschen lernen wir laufen, wir k├Ânnen uns gegenseitig f├╝hren, wir k├Ânnen uns kleine Signale der Verbundenheit vermitteln, ohne dass ein Dritter sie bemerkt. Sich gegenseitig an der Hand fassen ist ein Zeichen von Verbundenheit, N├Ąhe und Liebe. Gepflegte H├Ąnde k├Ânnen ├Ąu├čerst erotisch wirken und mit H├Ąnden k├Ânnen wir uns selbst und anderen h├Âchste k├Ârperliche Gen├╝sse vermitteln.

Die H├Ąnde bleiben unsere beweglichste und empfindsamste k├Ârperliche Verbindung zu anderen Menschen ein Leben lang. Sich gegenseitig mit den H├Ąnden zu ber├╝hren, ist auch dann erlaubt, wenn man sich nicht ganz so vertraut ist. Ein H├Ąndedruck zeigt uns etwas ├╝ber die Befindlichkeit eines Menschen, beispielsweise seine Zur├╝ckhaltung oder ├ängstlichkeit. Mit den H├Ąnden k├Ânnen wir jemandem aufmunternd auf die Schulter klopfen oder ihn beruhigen. H├Ąnde sind heilsam, etwa wenn sie ganz zart ├╝ber eine Stelle streicheln, an der wir uns verletzt haben, oder wenn wir massiert werden. Eine z├Ąrtliche Ber├╝hrung mit der Hand kann mehr sagen, als viele Worte, uns aus Spannungen erl├Âsen, unsere Ruhelosigkeit beruhigen, Trost spenden und das Gef├╝hl vermitteln: Du bist nicht allein.

H├Ąnde f├╝hren und halten uns, sie nehmen, empfangen und gestalten, schenken, segnen. Sie k├Ânnen sich ├Âffnen und etwas loslassen. Offenheit erm├Âglicht uns das Empfangen, in der Liebe wie auch sonst, und Loslassen gibt uns Entspannung und Ruhe. Sich ├Âffnen und loslassen geh├Âren zur Sexualit├Ąt ebenso notwendig wie zu den anderen Bereichen des EROS.  

Freude trinken alle Wesen an den Br├╝sten der Natur

Br├╝ste sind ein wundervolles Symbol weiblicher Lebenskraft und Lebensf├╝lle f├╝r Frauen wie f├╝r M├Ąnner. Die Faszination, die sie auf beide Geschlechter aus├╝ben, h├Ąngt sicherlich mit ihrer umfassenden seelischen Bedeutung zusammen. Br├╝ste geh├Âren nat├╝rlich nicht nur zum EROS, sondern auch in den m├╝tterlichen Symbolkreis des BIOS. Ihre Bedeutung ersch├Âpft sich aber nicht in der Funktion des Geborgenheit- und Nahrunggebens und der damit verbundenen Erfahrung eines Zustandes urspr├╝nglicher Harmonie mit der Mutter und dem Urgrund. Sie setzen dar├╝ber hinaus intensive sexuelle Signale. Das Zeigen und Anfassenlassen der Br├╝ste signalisiert Bereitschaft, sich auch der sexuellen Vereinigung hinzugeben. Damit versprechen sie h├Âchste Innigkeit und orgasmische Lust. Ihre runde mandalaische Form (vielleicht das Ur-Mandala?) mit dem begehrten Zentrum l├Ąsst auch erahnen, dass wir in der erotischen Hingabe zu unserer eigenen Mitte, zur Vereinigung der Gegens├Ątze in einem mittleren Punkt finden k├Ânnen. 

Das Paradies auf Erden

Auch die unteren Bereiche des weiblichen K├Ârpers - der Bauch, das Becken, das Ges├Ą├č, die Vagina - mit ihrer Symbolik des Runden, Empfangenden, Fruchtbaren, Geb├Ąrenden, des Leben-Hervorbringenden-und-Verschlingenden, geh├Âren zur Zentralsymbolik des EROS wie des BIOS. Die ├Ąu├čeren und inneren Geschlechtsorgane des Weiblichen als Symbol des letzten und h├Âchsten Zieles der Sehnsucht und der intensivsten Ekstase sind meistens eher in angedeuteter und verh├╝llter als in direkter Form dargestellt worden. Die direkte Darstellung ist vielleicht wegen des intimen und verborgenen Charakters weniger gut m├Âglich als beim Phallus, der ja von sich aus schon etwas Herausragendes, Selbstdarstellerisches hat. Vielleicht ist dies aber auch als ein Sakrileg, als eine Entweihung eines Mysteriums empfunden worden. Was da in der Tiefe und Dunkelheit des weiblichen Scho├čes wirklich geschah, war lange Zeit ein gro├čes Geheimnis und Wunder.

 

Abb.: Rose

Die Faszination, die s├╝├če Lust und die innige, liebende, z├Ąrtliche Verschmelzung, die mit der Vulva (├Ąu├čere weibliche Geschlechtsteile) und der Vagina verbunden sind, haben sich in tausendf├Ąltigen Bl├╝tenformen und deren D├╝ften und Farben sowie in wohlschmeckenden, s├╝├čen Fr├╝chten symbolisiert, was ja insofern naheliegend ist, als auch diese Ausdruck der verschwenderischen Erotik der Natur sind. Die Muschel ist anderes ein h├Ąufiges Symbol f├╝r die weiblichen Geschlechtsorgane.

 

ABB. MUSCHEL

In der christlichen Kunst offenbart sich der Eingang in das weibliche Mysteriums nur sehr verh├╝llt, f├╝r Eingeweihte, Kenner und Liebhaber aber doch deutlich, etwa in der Mandorla oder im Faltenwurf kostbarer Gew├Ąnder.

 

Abb.: Maria

Die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau ist schlie├člich  ein weiteres zentrales Symbol des Erotischen. Sie ist als die Vereinigung der Gegens├Ątze, dem Mysterium coniunctionis, gleichzeitig eines der Hauptssymbole des MYSTOS-Faktors, so dass wir sie dort n├Ąher besprechen wollen.

Unsere Reise entlang der Sch├Ânheiten des weiblichen K├Ârpers beenden wir mit dem Hohen Lied Salomonis, das die erotischen Reize des weiblichen wie des m├Ąnnlichen K├Ârpers besingt und welches sich zur nicht geringen Verwirrung vieler "Schriftgelehrter" in der Bibel findet. Die Interpretation des Hohen Liedes ist umstritten, lange Zeit versuchte man es als eine Allegorie auf die Liebe zu Gott zu interpretieren. Eine andere Sicht war die, es als eine Sammlung volkst├╝mlicher j├╝discher Lieder, vielleicht Hochzeitslieder zu sehen, wobei allerdings die Offenheit, mit der ├╝ber den K├Ârper, Sexualit├Ąt und Lust und ├╝ber die Sehnsucht nach dem Geliebten bzw. der Geliebten gesprochen wird wie auch die Tatsache, dass die "Heldin" des Liedes Sulamit eine Frau ist, diese Sichtweise zumindest in Frage stellen. Es wird deshalb vermutet, dass es sich um ein altes Kultlied handelt, in dem ein fr├╝heres pal├Ąstinisches G├Âtterpaar, vielleicht vergleichbar Ischtar und Tammuz aus dem sumerisch-babylonischen G├Âtterhimmel, seine Heilige Hochzeit zelebriert. Vielleicht kann dieses Lied der Lieder ja als beides gesehen werden, als eine sehr offene, sehr erotische Beschreibung irdischen Liebesgenusses, der K├Ârper und Seele voll erfasst und ├╝ber sich hinausf├╝hrt wie auch als eine symbolische Beschreibung unserer tieferen, mystischen Liebe und unserer Sehnsucht nach Vereinigung mit einer gr├Â├čeren, sch├Âpferischen oder eben g├Âttlichen Macht. Die Sexualit├Ąt reicht von den tiefsten Tiefen zu den h├Âchsten H├Âhen und ist auf jeder Ebene von gr├Â├čter Faszination.

Die folgenden Ausz├╝ge aus dem Hohen Lied k├Ânnen uns ein wenig nachempfinden lassen, wie es sich anh├Ârt, wenn ein menschlicher K├Ârper durch die Augen der Liebe, der Sehnsucht und des Begehrens gesehen und durch ein liebendes Herz beschrieben wird.

Ich beschw├Âr Euch, T├Âchter Jerusalems:
Wenn meinen Geliebten ihr findet, was wollt ihr ihm dann melden?
Dass ich krank bin vor Liebe!
Was ist dein Geliebter vor anderen Geliebten, dass du uns so beschw├Ârst?
Mein Geliebter strahlt wei├člich und rosa und ist unter Tausenden zu erkennen.
Sein Haupt ist gediegenes Gold, seine Locken sind Dattelrispen, wie die Raben so schwarz.
Seine Augen sind wie Tauben an Wasserb├Ąchen, gebadet in Milch, ruhend auf dem Damm.
Seine Wangen sind wie Balsambeete, in denen W├╝rzkr├Ąuter sprie├čen; wie Lilien sind seine Lippen, tropfend von fl├╝ssiger Myrrhe.
Seine H├Ąnde sind Barren von Gold, mit Tarsiststeinen besetzt; eine Elfenbeinplatte ist sein Leib, bedeckt mit Saphiren.
Seine Schenkel sind Marmors├Ąulen, gestellt auf Sockel von Feingold.
Sein Anblick ist wie der Libanon, auserlesen gleich Zedern.
S├╝├čigkeit ist sein Gaumen, seine ganze Person lauter Lust.
Das ist mein Geliebter, ja das ist mein Freund, ihr T├Âchter Jerusalems!
Wende dich, wende dich, Sulamit, wende dich, damit wir dich sehen k├Ânnen!
Was wollt ihr sehen an Sulamit? Etwas wie einen Lagertanz?
Wie sind deine Schritte so sch├Ân in den Sandalen, du F├╝rstentochter!
Der Bug deiner H├╝ften gleicht einem Geschmeide, einem Werk von K├╝nstlerh├Ąnden.
Dein Scho├č ist ein rundes Becken, es mangele ihm nie der gew├╝rzte Wein!
Dein Leib ist ein Weizenhaufen, von Lilien umhegt.
Deine beiden Br├╝ste sind zwei Kitzlein, wie Zwillinge einer Ricke.
Dein Hals ist wie ein Elfenbeinturm, deine Augen wie die Teiche von Hesbon am Tor von Bat-Rabbim, deine Nase wie der Libanonturm, der gegen Damaskus schaut.
Dein Haupt ├╝ber dir ist wie der Karmel, deines Haupte Geflecht gleicht K├Ânigspurpur, gebunden in Z├Âpfen.
Wie bist du so sch├Ân und so lieblich, o Liebe in Wonnen!
Deine Gestalt ist der Palme gleich, deine Br├╝ste sind wie Trauben.
Ich dachte, ich will auf die Palme klettern, will pfl├╝cken die Dattelrispe und deine Br├╝ste sollen mir sein wie Trauben des Weinstocks, der Duft deines Atems wie Apfelduft.
Und dein Mund soll mir sein wie der edelste Wein, der glattweg flie├čt zu meinen Liebkosungen, meine Lippen und Z├Ąhne benetzend. "Ich geh├Âre meinem Geliebten an und nach mir hat er Verlangen".
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