Aspekte und Symbole des MYSTOS-Prinzips

Es ist wichtig, dass wir ein Geheimnis haben und die Ahnung von etwas nicht Wissbarem. Es erf√ľllt das Leben mit etwas Unpers√∂nlichem, einem Numinosum. (numen = g√∂ttliches Wesen ohne konkrete Gestalt aber mit Wirkkraft, Anm d. Verf.) Wer das nie erfahren hat, hat Wichtiges verpasst. Der Mensch muss sp√ľren, dass er in einer Welt lebt, die in einer gewissen Hinsicht geheimnisvoll ist, dass in ihr Dinge geschehen und erfahren werden k√∂nnen, die unerkl√§rbar bleiben, und nicht nur solche, die sich innerhalb der Erwartung ereignen. Das Unerwartete und das Unerh√∂rte geh√∂ren in diese Welt.

C. G. Jung[25]

 

MYSTOS, das f√ľnfte Prinzip des Pentaolon-Systems, repr√§sentiert die Essenz, den Ursprung, die Mitte und das Ziel, die Einheit und Ganzheit des sch√∂pferischen Mysteriums, aus dem alle anderen Prinzipien hervorgehen, sich differenzieren und in das sie sich wieder integrieren.

MYSTOS steht f√ľr das sch√∂pferische Mysterium. Diese Bezeichnung erscheint mir vor allen anderen Namen f√ľr die letzte, unerkennbare Wirklichkeit die beste, weil sie zwei Hauptmerkmale dieses letzten Einen zusammenfasst, n√§mlich, dass es sich hierbei um einen √ľberaus sch√∂pferischen Prozess handelt und dass dieser Prozess uns in seinem letzten Wesen ein Geheimnis bleibt.

Obwohl dieses h√∂chste Sein, wie wir noch n√§her erl√§utern werden, unfassbar und unnennbar ist, ist es doch hilfreich, wenn man sich um eine m√∂glichst passende Benennung bem√ľht. Der stimmige Name kann unsere religi√∂se Einstellung in positiver Weise unterst√ľtzen, wie der unpassende Name unsere religi√∂se Haltung auch in ungl√ľcklicher Weise einschr√§nken, wenn nicht sogar verderben kann. So haben beispielsweise die Begriffe Kraft oder Energie √ľberwiegend einen physikalischen, unpers√∂nlichen Charakter. Das sch√∂pferische Mysterium offenbart sich uns aber nicht nur in der √§u√üeren physikalischen Erscheinungswelt, sondern vor allem durch die Vermittlung unserer lebendigen Seele, die immer nur in individueller, pers√∂nlicher Form existiert. Wenn wir G√∂ttin oder Gott dazu sagen, dann entstehen in uns meist Vorstellungen von einem gro√üen Wesen entweder weiblichen oder m√§nnlichen Geschlechts, eine Art gute Mutter oder guter Vater, das uns als ein allm√§chtiges Gegen√ľber erscheint, das wir aber selbst nicht sind. Wenn wir GEIST dazu sagen, legt das Assoziationen nahe, die im Gegensatz zur k√∂rperlichen und materiellen Basis unserer Existenz stehen. Wenn wir Transzendenz sagen, dann erzeugt das leicht die Vorstellung, es w√ľrde sich um etwas handeln, das sich irgendwie √ľber oder au√üerhalb unseres allt√§glichen Lebens befindet. Wenn wir Selbst dazu sagen, dann wird zwar deutlich, dass es unseren innersten Wesenkern betrifft, es vermittelt aber auch etwas Egozentrisches und schlie√üt von seinem assoziativen Umfeld her den anderen Menschen und die Welt aus. Wenn wir es das Unbewusste nennen, dann flie√üen Assoziationen mit ein, die mit der Vorsilbe "Un" verbunden sind. Das "Un" hat f√ľr uns einen verneinenden, meist negativen Charakter, wie wir an den Worten Unfall, Ungl√ľck, Unperson oder Unwert sehen. Ist das, woraus wir leben, wirklich gut bezeichnet mit einem Wort, das mit "Un" beginnt und eine Verneinung darstellt? Gut geeignet erscheinen mir Begriffe wie Geist-Energie, Sein, Leben, Liebe, Sch√∂pfung, am stimmigsten aber der Begriff des sch√∂pferischen Mysteriums.

Die antiken Mysterien waren religi√∂se Rituale in denen der Einzelne mit den Geheimnissen des Lebens, des Sterbens, der Wiedergeburt und der Transzendenz in Ber√ľhrung kam. Der Eingeweihte (griechisch myst√©s) wurde zum Schweigen und zur Geheimhaltung verpflichtet. Dies hatte verschiedene Gr√ľnde: Die Besonderheit der Erfahrung sollte nicht profaniert, sondern als "heilig", als etwas ganz Au√üerordentliches bewahrt werden. Gleichzeitig wurde dadurch nat√ľrlich die Zusammengeh√∂rigkeit der Gruppe verst√§rkt und die Attraktivit√§t des Kultes nach au√üen erh√∂ht. In bestimmten Geheimorganisationen diente das Schweigen auch dem Schutz vor Verfolgung. Dar√ľber hinaus gibt es noch wichtigere Aspekte des Schweigens. Das Schlie√üen von Lippen und Augen (griech. myein: sich schlie√üen) hat in den mystischen Traditionen vor allem den Sinn der Introversion und Introspektion. Dem Mysterium, dem verborgenden Geheimnis der Seele, des inneren Selbst und des G√∂ttlichen kann man nur gewahr werden, wenn man "in sich geht", die Aufmerksamkeit nach innen richtet und die √ľblichen allt√§glichen Gedanken und Phantasien zum Schweigen kommen. Dar√ľber hinaus l√§sst sich die letzte Erfahrung ohnehin nicht angemessen oder vollst√§ndig in Worten, Begriffen oder Symbolen zum Ausdruck bringen und nicht mitteilen, so dass dieses Geheimnis aufgrund seiner Natur immer ein Geheimnis bleiben wird. Das Schweigen ist der einzig ad√§quate Ausdruck, den wir angesichts des Mysteriums haben.

Das Entscheidende am MYSTOS-Faktor ist seine Paradoxität als offenbares, "heilig-öffentliches" (wie Goethe es nennt) Geheimnis: Einerseits ist das, worauf er sich bezieht, das eigentlich Wirkliche und Wesentliche, das, was wir immer schon in jedem Augenblick sind und woraus wir unmittelbar leben, das, was in jedem Moment so ist, wie es ist. Andererseits ist und bleibt es uns, gerade weil es die Essenz ist, in gewisser Weise immer verborgen, es ist damit ein offenbares und zugleich unzugängliches schöpferisches Mysterium. Warum ist dies so?

Das offenbare Geheimnis

Es gibt eine alte indische Parabel, die anschaulich unsere Schwierigkeiten beschreibt, das Ganze zu erfassen. Der nach Erkenntnis strebende Mensch wird darin mit f√ľnf Blinden verglichen, die einen Elefanten (das Mysterium) betasten und sagen sollen, was das Wesen des Elefanten sei. Der eine, der ein Ohr des Elefanten betastet, sagt: "Der Elefant ist wie eine Schaufel". "Nein, der Elefant ist wie eine Schlange", meint der, der den R√ľssel in der Hand h√§lt. "Wie ein Baum ist der Elefant!" sagt der n√§chste, der mit beiden H√§nden ein Bein des Tieres umfasst. "Wie ein Besen ist er" sagt der, der das Schwanzende zwischen den Fingern hat. "Unsinn, wie ein spitzer Speer ist der Elefant!" sagt der letzte, der sich gerade am Sto√üzahn des Elefanten einen blauen Fleck geholt hat. Und sie geraten in einen heftigen Streit √ľber den Elefanten. Jeder will Recht haben und h√∂rt nicht, zu welchen Ergebnissen der andere gelangt ist. Und weil sie einander nicht zuh√∂ren, sich die Erfahrungen des anderen nicht sagen lassen und sie nicht √ľberpr√ľfen, verm√∂gen sie niemals auch nur ann√§hernd zu erfahren, wie ein Elefant in seiner ganzen Gestalt und Wahrheit sein k√∂nnte.

Im Pentaolon-System wird ja der Versuch gemacht, einige wesentliche Aspekte der Ganzheit zu erkunden und einige der Seiten des "Elefanten" bewusst zu machen. An dieser Stelle soll aber etwas genauer dargestellt werden, weshalb das sch√∂pferische Mysterium ein Mysterium f√ľr uns ist und immer bleiben wird. Die an sich einfachen Tatsachen, die jeder bei sich leicht beobachten kann, wenn er einmal darauf hingewiesen wurde, laufen allerdings unserem √ľblichen Denken zun√§chst so sehr zuwider, dass wir sie entweder nicht glauben oder sofort wieder ignorieren wollen. Aber nach der anf√§nglichen Verwirrung wird sich zeigen, dass wir durch einen heilsamen Prozess hindurchgegangen sind, der uns mit vielem vers√∂hnt, was wir zuvor abgewehrt haben und was uns unverst√§ndlich geblieben ist. Wir werden etliche leidvolle, unrealistische Vorstellungen und √ľberh√∂hte Forderungen an uns selbst aufgegeben haben, und auch etwas gewonnen haben, n√§mlich ein Staunen und Wundern dar√ľber, an welch einem geheimnisvollen und wundersamen Prozess wir beteiligt sind.

Der Mensch ist ein √ľberaus komplexes System

Obwohl wir Menschen in vieler Hinsicht sehr √§hnlich sind - wir haben einen √§hnlichen K√∂rper, √§hnliche Bed√ľrfnisse und vermutlich √§hnliche Gef√ľhle, Gedanken, Empfindungen und auch Erfahrungen -, sind wir doch einzigartig und einmalig. Es gibt kein Wesen auf dieser Welt, dass eine identische genetische Ausstattung hat, die gleichen Erlebnisse hatte und sich in der gleichen Situation befindet wie wir. In jedem Augenblick sind wir einzigartig, sind wir anders als alle anderen Menschen, sind wir etwas anders, als wir selbst kurz vorher noch waren. Jede aktuelle Situation ist einmalig und wird in dieser Weise niemals wiederkehren. Die Welt, die wir in diesem Augenblick erleben, ist eine grandiose einmalige Inszenierung, die in dieser Weise nur f√ľr uns g√ľltig ist und in dieser Weise nur von uns so wahrgenommen wird!

Wenn wir verstehen wollten, wer wir sind und warum wir uns in einer aktuellen Situation so erleben und verhalten, wie wir es tun, m√ľssten wir eine riesige Menge an Daten kennen und miteinander in Verbindung setzen k√∂nnen. Wir m√ľssten uns beispielsweise fragen:

  • Wie ist meine genetische, evolution√§re Ausstattung? Was hat sich im Laufe der Jahrmillionen an allgemeinen k√∂rperlichen und psychischen Eigenschaften herausgebildet und in meinem Organismus genetisch verankert? Welche Rolle spielt das speziellere Erbe, die einzigartige Kombination von Genen, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe? Was bedeutet es, dass ich einen m√§nnlichen oder weiblichen K√∂rper habe? Welchen Einfluss hat meine k√∂rperliche Eigenart und Konstitution auf mein Leben?
  • Wie sieht der soziokulturelle Hintergrund, in den ich hineingeboren wurde, aus? Was bedeutet es f√ľr meine Identit√§t, in welches Land, in welche Nation und Gesellschaft mit welcher politischen, religi√∂sen und kulturellen Geschichte, Sprache und Einstellung ich mit meiner Eigenart hineingeboren wurde, was f√ľr eine Landschaft und was f√ľr ein Klima ich vorfinde und welche Bedeutung und Aufgabenverteilung Mann und Frau darin haben?
  • Wie ist meine pers√∂nliche Lebens- und Lerngeschichte gewesen? Wie waren meine fr√ľhkindlichen Erfahrungen und meine sp√§tere Entwicklung? Wie war die Familiendynamik? Welche Erlebnisse und Traumata hatte ich und wie habe ich sie verarbeitet? Welchen Charakter und welchen Lebensstil, welches "Lebensscript" habe ich aus all diesen Erfahrungen mit mir und der Umwelt entwickelt?
  • Wie ist meine aktuelle Lebenssituation? Inwieweit bestimmt meine gegenw√§rtige berufliche, partnerschaftliche und allgemeine Lebenssituation mein Erleben und Verhalten? Mit welchen M√§nnern und Frauen mit welchen Eigenarten komme ich zusammen? Wie beeinflussen wir uns gegenseitig? Wie ist die Familien- und Beziehungsdynamik? In welcher Alters- und Lebensphase stehe ich? Wie ist mein k√∂rperlicher und psychischer Gesundheitszustand? Welche Bedeutung haben aktuelle Trends und aktuelle Zeitstr√∂mungen f√ľr mich?
  • √úber welches kreative Entwicklungspotential verf√ľge ich? Was m√∂chte ich in meinem Leben noch verwirklichen? Wohin geht meine Sehnsucht? Welche Motivation, welches Interesse habe ich an Neuem, am Lernen und daran, mich weiter zu entwickeln?

Diese kurze Auflistung, die leicht erweitert werden k√∂nnte, deutet an, dass wir zu jedem Zeitpunkt eine √ľberaus komplexe Mischung aus Genetik, Pr√§gungen, Lernerfahrungen, aktuellen Umwelt- und Systemeinfl√ľssen und einem nicht einzusch√§tzenden Wachstumspotential sind. Es wird schon an dieser Stelle deutlich, wie oberfl√§chlich die meisten Theorien √ľber den Menschen, sein Erleben und Verhalten sind. Auch wenn man nat√ľrlich ber√ľcksichtigen muss, dass eine gewisse Reduzierung auf einige zentrale Faktoren - auf ein paar typologische Merkmale, auf ein paar zentrale Triebe, Bed√ľrfnisse und Konflikte, auf einige Eltern- und Familienkonstellationen oder auf einzelne traumatische Erfahrungen - h√§ufig sinnvoll und notwendig ist, um sich √ľberhaupt orientieren zu k√∂nnen, so ist doch unverst√§ndlich, wieso sich die verschiedenen wissenschaftlichen, medizinischen, therapeutischen Schulen und Richtungen angesichts dieser Tatsachen heute noch bek√§mpfen und abwerten m√ľssen und ihre eigenen Positionen als die einzig wahren herauszustellen bem√ľht sind. 
 

Neurose ist das Leiden einer menschlichen Seele mit ihrer ganzen, weltweiten Kompliziertheit, die so ungeheuerlich ist, dass man jede Neurosentheorie schon von vornherein ruhig als beinahe wertloses Aperçu (geistreiche Bemerkung, Anm. des Verf.) bezeichnen kann ...

C. G. Jung[26]
 

In vielen Selbsterfahrungen und Psychotherapien bem√ľhen wir uns, unsere Biografie und Vergangenheit besser zu verstehen und aufzuhellen. Wir haben oft ein starkes Bed√ľrfnis zu wissen, wer wir sind, woher wir kommen, wie und wieso wir so, wie wir sind, geworden sind. Wir suchen nach einer Erkl√§rung, die uns hilft, unsere Eigenart zu akzeptieren, unsere Geschichte anzunehmen, Schuld- und Schamgef√ľhle zu entlasten. Wir m√∂chten verdr√§ngte Erinnerungen und Gef√ľhle bewusst machen und hoffen, dadurch mit unserem Leben besser zurecht zu kommen. So wichtig dies f√ľr uns auch ist: Wir k√∂nnen auf diesem Wege niemals zu einer letzten endg√ľltigen Wahrheit finden, auch wenn wir ein Leben lang Analyse machen. Die Komplexit√§t unserer Existenz ist viel zu gro√ü f√ľr jede Analyse. Au√üerdem sehen wir alles aus unserer pers√∂nlichen Sicht und unseren pers√∂nlichen Erinnerungen, die immer subjektiv gef√§rbt sind. Wir blenden zudem unsere eigene aktive Beteiligung an problematisch verlaufenen Situationen schnell aus, da wir es vorziehen, uns in solchen Zusammenh√§ngen lieber als Opfer zu sehen. Wenn wir uns zu lange mit der Vergangenheit besch√§ftigen, besteht dar√ľber hinaus die Gefahr, dass wir entscheidende Schritte in der Gegenwart vers√§umen. Vor allem vers√§umen wir aber m√∂glicherweise, den Blick zu heben und ein kosmisches Bewusstsein zu entwickeln, unser Dasein aus der Perspektive der Evolution des Universums zu sehen und unsere Existenz auch als Ausdruck des sch√∂pferischen Mysteriums zu verstehen.

Die unbewusste Selbstregulation des menschlichen Organismus

Die Unmöglichkeit, diese Komplexität des Menschen auch nur annähernd im Einzelfall erfassen und analysieren zu können, wird nun noch weiter erhöht durch die Tatsache, dass der Organismus sich selbst steuert und dies zum allergrößten Teil auf unbewusste Weise tut.

Die Gesamtheit der k√∂rperlichen, chemischen und psychischen Prozesse unseres Organismus wird - daran ist nach den Ergebnissen der Psychologie, Biologie und der Hirnforschung heute kein Zweifel mehr m√∂glich - √ľberwiegend unbewusst organisiert und gesteuert. Diese Tatsache erscheint uns im Hinblick auf die k√∂rperlichen Vorg√§nge einigerma√üen plausibel. √úblicherweise kommen wir nicht auf die Idee, wir w√ľrden unsere inneren Zellvorg√§nge, die Immunabwehr, unser Wachstum, unsere Verdauungsprozesse, den Stoffwechsel oder die Funktion unserer Organe bewusst steuern. Wir w√§ren damit auch - wenn dies √ľberhaupt m√∂glich w√§re - hoffnungslos √ľberfordert. Dass sich auch bestimmte elementare Triebbed√ľrfnisse - wie z.B. Schlaf, Hunger, Durst, Sexualit√§t - relativ autonom ohne unser bewusstes Zutun melden und uns zwingen, ihnen zu folgen - k√∂nnen wir vielleicht auch gerade noch akzeptieren. Wir brauchen aber nur ein wenig weiter zu denken, um zu erkennen, dass diese Autonomie fast ebenso auch f√ľr die psychischen Abl√§ufe in uns gilt. Wir m√ľssen uns nur fragen: Steuern wir bewusst unsere Hirnvorg√§nge, steuern wir die Aktivit√§t unserer Neuronen oder den Einsatz bestimmter Transmitterstoffe? Schalten wir bewusst ganz bestimmte Hirnzentren ein, weil wir ganz bestimmte Gedanken oder Gef√ľhle empfinden wollen? Machen wir das alles bewusst und absichtlich?

Wir wissen heute, dass alle unsere Gef√ľhle, Gedanken, Empfindungen, die wir haben, und unsere Entscheidungen, die wir dauernd treffen, bereits vorhanden und entschieden sind, bevor sie uns bewusst werden. Bevor wir irgendetwas bewusst wahrnehmen, f√ľhlen, denken oder wollen, hat der Organismus bereits entschieden, was er ins Bewusstsein treten l√§sst und was nicht. Gedanken, Gef√ľhle, Willensimpulse: Wir treffen mit unserem Ich-Bewusstsein keine Wahl, welche davon auftauchen oder nicht. Sie erscheinen nur in unserem Ich-Bewusstsein wie auf dem Bildschirm eines Computers, sie werden uns durch das Ich-Bewusstsein nur bewusst, aber sie werden nicht vom Ich-Bewusstsein hervorgerufen und auch nicht von ihm gesteuert. Das bewusste Erkennen erm√∂glicht dem Organismus zwar eine zus√§tzliche Kontrolle und Einsch√§tzung, aber die letzte Entscheidung dar√ľber, ob wir eine Sache, wenn sie uns bewusst geworden ist, machen oder nicht machen, wird nicht vom Bewusstsein gef√§llt, sondern ist das Ergebnis einer Vielzahl √ľberwiegend unbewusster rationaler wie gef√ľhlsm√§√üiger Bewertungsvorg√§nge, die vom Zustand des ganzen Organismus und seiner gegenw√§rtigen Situation abh√§ngen. Es ist nicht das Ich-Bewusstsein, dass entscheidet, sondern es ist immer der ganze Organismus, der gleichzeitig in einer unaufl√∂sbaren Wechselwirkung zur gegenw√§rtigen Um- und Mitwelt steht.

Moderne Systemtheoretiker und Hirnforscher vertreten die Auffassung, dass es eine wesentliche Funktion unseres Gehirns ist, die unendliche Menge an Reizen, die wir mit Hilfe unserer Sinne von unserer Innen- und Au√üenwelt aufnehmen, zu reduzieren, zu selektieren, auszufiltern, damit wir uns √ľberhaupt zurechtfinden k√∂nnen. Ohne dass wir es bemerken, entscheidet unser Gehirn st√§ndig dar√ľber, was wichtig oder unwichtig, bedrohlich oder weniger bedrohlich ist. Dass, was wir als uns selbst und die Welt drau√üen erleben, was uns als relativ konstant, stabil und konsistent erscheint, ist das Ergebnis eines unglaublich rasch und effizient ablaufenden Verarbeitungsprozesses, von dem uns die allermeisten Vorg√§nge unbewusst bleiben.

Dass der Organismus auch ganz gut ohne eine allzu gro√üe Beteiligung des Ich-Bewusstseins auskommt, k√∂nnen wir bei manchen durchaus komplexen Leistungen ersehen, wie z.B. dem Autofahren. Wenn wir beim Autofahren ganz in ein interessantes Gespr√§ch vertieft sind, kann es sein, dass wir nach zwei Stunden Fahrt am Ziel angekommen sind, ohne dass wir sehr viel vom Fahren selbst mitbekommen haben. Die ganze Zeit √ľber hat unser Organismus die Umwelt, das Wetter, die Stra√üenverh√§ltnisse, die Wegweiser, die anderen Autos und deren Fahrverhalten usw. registriert, die Informationen verarbeitet und das Auto bedient, gleichzeitig hat er alle K√∂rpervorg√§nge aufrechterhalten und uns sogar noch erm√∂glicht, das Gespr√§ch zu f√ľhren. Aber nur der allerkleinste Teil der erforderlichen Aktivit√§ten in den vergangenen zwei Stunden ist uns davon bewusst gewesen.

Wem auch an diesen Beispielen noch nicht recht einleuchtet, in welch umfassender Weise der Mensch unbewusst selbstreguliert wird, der mag daran denken, dass das Ich-Selbst-Bewusstsein, wie wir es kennen, ein relativ junges Ereignis der Evolution, vielleicht nicht √§lter als 10000 bis 20000 Jahre ist. Der ganze menschliche Organismus hat sich ohne einen bewussten Eingriff durch das Individuum im Laufe von vielen Millionen Jahren selber herausgebildet. Das komplexeste Gebilde des ganzen Universums, dass wir bisher kennen, unser Gehirn, hat sich gebildet, ohne dass ein Ich-Bewusstsein in unserem Sinne beteiligt gewesen ist! Und daran hat sich bis heute wenig ge√§ndert. Zu keinem Zeitpunkt der bisherigen Menschheitsgeschichte wie unseres individuellen Lebens haben wir etwas getan, was nicht prim√§r und √ľberwiegend von dieser unbewussten Intelligenz hervorgebracht worden w√§re.

In manchen modernen psychologischen oder esoterischen Richtungen wird die illusion√§re Hoffnung geweckt, der Mensch verf√ľge √ľber ein grenzenloses Potenzial, er k√∂nne fast alles erreichen, er k√∂nne sich fast beliebig neu programmieren, wenn er nur wirklich wolle. Man m√ľsse sich seine positiven Zielvorstellungen nur ausreichend lang und intensiv ausmalen und gestalten, entsprechende zielgerichtete Affirmationen suggerieren und dann dem Kosmos oder dem Unbewusste √ľbersenden. Das Unbewusste wird dabei als eine Art Sklave, als ein zauberm√§chtiger dienstbarer Geist verstanden - wie der Geist aus Aladins Wunderlampe -, der nichts Besseres zu tun hat, als unsere - h√§ufig banalen - Zielvorstellungen baldm√∂glichst auf wundersame Weise zu verwirklichen. Auch findet man in solchen Zusammenh√§ngen oft den Hinweis auf die unersch√∂pflichen kreativen M√∂glichkeiten, die in uns schlummern, man h√∂rt davon, dass wir nur 10% unserer geistigen Kapazit√§ten aussch√∂pfen und wir endlich die restlichen 90% einsetzen sollten.

Das sind nat√ľrlich alles naive Vorstellungen, die aus der hartn√§ckigen Fehleinsch√§tzung und hybriden √úbersch√§tzung der M√∂glichkeiten unseres Ich-Bewusstseins herr√ľhren. Das Unbewusste ist nat√ľrlich kein Sklave unter der meisterlichen Herrschaft unseres Ich-Bewusstseins, sondern es verh√§lt sich genau umgekehrt. Au√üerdem verf√ľgt unser Organismus keineswegs √ľber unersch√∂pfliche Reserven. F√ľr ihn ist bereits unser allt√§gliches Leben eine H√∂chstleistung. Die kreative Leistung, die er erbringen muss, um sich in dem √ľberaus komplexen allt√§glichen Leben eines erwachsenen Menschen immer wieder neu zu orientieren, neu zu lernen und anzupassen, sch√∂pfen einen gro√üen Teil seiner Leistungsf√§higkeit aus. Das Steuern eines Autos durch eine fremde Stadt w√§hrend der Hauptverkehrszeit: das ist eine unfassbare F√§higkeit, die in gewisser Hinsicht viele andere Leistungen, wie z.B. eine meditative Versenkung, bei weitem √ľbersteigt. Unter der Perspektive der unglaublich komplexen Leistung, die unser Organismus tagt√§glich vollbringt, sind auch viele unserer Einseitigkeiten, kleinen Schw√§chen, Fehler und M√§ngel absolut bedeutungslos. Die Aufgabe, die er jeden Tag und jede Nacht neu zu bew√§ltigen hat, einfach, indem es unser bewusstes Leben erm√∂glicht, ist so immens, dass Fehler, Irrt√ľmer und Funktionsst√∂rungen unvermeidlich sind. Man muss sich eigentlich √ľber alle Ma√üen wundern, dass unser Gehirn diese unglaublich komplexe Leistung so lange und konstant √ľberhaupt durchhalten kann und nicht viel h√§ufiger "abst√ľrzt", so √§hnlich wie ein Computersystem zusammenbricht, wenn es zu viele und teilweise widerspr√ľchliche Informationen verarbeiten muss. Unsere dauernde Selbstkritik wegen aller m√∂glichen kleinen Fehler und Schw√§chen, die wir alle t√§glich begehen, ist unter dieser Perspektive einfach nur √ľber alles engstirnig und kleinkariert.

Wir selbst sind das Mysterium

Neben der Komplexität und der weitgehenden Unbewusstheit unseres Wesens gibt es noch einen dritten, alles entscheidenden Grund, weshalb wir das Mysterium unserer Seele und unseres Daseins nicht erfassen können.
Wir können das Wunder und Mysterium unseres Lebens nicht erfassen, weil wir dieses Wunder und Mysterium selber sind!
Erkenntnistheoretisch liegt dies daran, dass kein System die Funktion, die es ausf√ľhrt, auf sich selbst anwenden kann. Gleichzeitig ist das System immer komplexer als die von ihm erzeugte Funktion. Das Auge kann sich selbst direkt nicht sehen, das Messer kann sich nicht selbst schneiden, die Hand kann sich nicht selbst umfassen (man denke auch an das klassische Zen-Koan vom Klatschen der einen Hand!), die Psyche oder das Gehirn, das das Bewusstsein erm√∂glicht, kann sich selbst nicht unmittelbar erkennen. Alles, was wir jemals √ľber uns selbst und das Universum erfahren k√∂nnen, sind lediglich Vorstellungen, Bilder, Symbole, Repr√§sentationen, Konstruktionen, die im Laufe eines langen, m√ľhsamen Lernprozesses in uns entstehen. Und diese Vorstellungen sind immer einfacher als die Wirklichkeit. Auch unser Ich ist eine solche Konstruktion, eine Vorstellung, die wir √ľber uns haben. Wer oder was wir wirklich sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir haben es niemals mit einer "objektiven" Wirklichkeit zu tun. Wir haben nur unsere Vorstellungen √ľber uns und die Welt, die unter dem Einfluss einer anderen Zeit, einer andern Sprache, einer anderen Gesellschaft und anderer Lebensumst√§nde auch entsprechend anders gewesen w√§ren. Wie hoch und wie tief unsere Erfahrungen und Aussagen √ľber die Natur des Universums und der Seele auch sein m√∂gen, auch die allerh√∂chsten mystischen, transpersonalen Erfahrungen, so √ľberzeugend sie uns als letzte Wahrheit erscheinen m√∂gen, sind doch immer nur sehr vereinfachte Symbole, Bilder, Vorstellungen und Modelle unserer Psyche. Wir k√∂nnen diesen Beschr√§nkungen auf keine Weise entgehen. Sobald wir den letztm√∂glichen Grad an Innenschau erreicht haben, tritt uns eine eigent√ľmliche Stille und Leere entgegen. Diese Stille und Leere gleicht dem wei√üen Rauschen des Fernsehers, wenn er keine Bild- und Tonsignale mehr empf√§ngt. Sie zeigt uns an, dass an dieser Stelle unsere Erkenntnis- und Erfahrungsm√∂glichkeiten ein Ende haben und wir hier an der Schwelle zum Mysterium stehen, die wir aber niemals √ľberschreiten k√∂nnen.

Wenn man alle diese Erkenntnisse eine Weile auf sich wirken l√§sst, wird man davon ganz merkw√ľrdig ber√ľhrt. Da gibt es einen unfassbar intelligenten evolution√§ren Sch√∂pfungsprozess, der ein unfassbar komplexes Gebilde wie den menschlichen Organismus mit seinem Gehirn und dem Bewusstsein hervorgebracht hat, und es wei√ü nicht davon, beziehungsweise es kann diese seine eigene Natur niemals ganz erkennen. Alles, was existiert, erschuf sich, entfaltete sich, ohne dass ein Bewusstsein in unserem Sinne beteiligt war. Ich glaube vor diesem Hintergrund besser zu verstehen, was die Phantasien der Menschen √ľber die unbekannten fremden Wesen aus dem Universum, den "Aliens", bedeuten. Wir selber sind die Aliens, die Fremden aus dem Universum, die sich selbst unbekannt und damit auch bedrohlich erscheinen, die gerne ihren Ursprung erfahren w√ľrden, aber niemals erfahren werden, die sich zu ihrer Heimat zur√ľcksehnen, aber diese Heimat niemals finden werden, weil sie an einem f√ľr unsere Erkenntnis unerreichbaren Ort ist. Selbst wenn wir als unsere Heimat das Universum angeben, so ist das doch nur ein Name, eine Vorstellung. Wir k√∂nnen nicht sagen, um was es sich beim Universum eigentlich wirklich handelt, was das alles wirklich ist, was wir Strahlung, Energie und Materie nennen.

Aber diese systembedingte prinzipielle Unm√∂glichkeit, unseren Ursprung zu erkennen, ist gl√ľcklicherweise nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite dagegen ist die phantastische Einsicht, dass wir das Mysterium unseres Seins deswegen nicht erkennen k√∂nnen, weil wir dieses Mysterium selber sind. Das ist das gro√üe Paradoxon: das Mysterium ist uns das fernste und das naheste zugleich. Fern ist es unserer bewussten Erkenntnis, nahe ist es, weil wir es sind. Damit stehen wir nicht au√üerhalb des Mysteriums und m√ľssen nun verzweifelt versuchen, von unserem jetzigen allt√§glichen und profanen Zustand in einen ganz besonderen und spirituellen zu transzendieren, sondern wir stehen bereits unmittelbar und unvermeidbar und in jedem Augenblick mitten im Mysterium. Wir sind das Mysterium. Wir sind eine unmittelbare Manifestation, eine Offenbarung des gro√üen Geheimnisses. Jeder Versuch, das Mysterium, die Transzendenz, den Stein der Weisen irgendwo anders zu finden, vielleicht in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, in einem anderen Bewusstseinszustand, verst√§rkt nur unser Nicht-Gewahrsein dessen, dass wir es bereits sind. Dies zu erkennen ist das Ziel vieler mystischer Wege. Es mag ver√§nderte Bewusstseinszust√§nde geben, die uns diese Tatsache vielleicht besser einsehen lassen, aber dies sind meist nur fl√ľchtige, vor√ľbergehende Zust√§nde, w√§hrend unser allt√§gliches Bewusstsein die beste, stabilste und umfassendste bewusste Erfahrung des Mysteriums bietet. Unser Ich-Bewusstsein ist der Ort, in dem es sich selbst spiegeln kann.  

Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen. Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen; die Religion die feierliche Enth√ľllung der verborgenen Sch√§tze des Menschen, das Eingest√§ndnis seiner innersten Gedanken, das √∂ffentliche Bekenntnis seiner Liebesgeheimnisse.

Ludwig Feuerbach[27]

 

Auch wenn wir dieses sch√∂pferische Mysterium der Einheit und Ganzheit, das wir sind, in seiner Essenz paradoxerweise gerade deshalb nicht direkt erkennen, nicht sehen, nicht h√∂ren, nicht tasten und nicht schmecken k√∂nnen, weil wir es sind, so k√∂nnen wir es uns doch erschlie√üen durch Selbstbeobachtung, durch Nachdenken, durch intuitives Erahnen und meditative Betrachtung. Vielen manifestierten Aspekten dieses sch√∂pferischen Mysteriums begegnen wir dauernd in unseren Erfahrungen, die wir machen, in unseren Gedanken, Phantasien, Gef√ľhlen und k√∂rperlichen Empfindungen, in unseren Trieben und in unserem alles begleitenden Bewusstsein. Sie alle sind unmittelbarer Ausdruck dieses Mysteriums, wenn auch, um uns √ľberhaupt zug√§nglich zu sein, in gefilterter Form. Alles, was wir sind, in diesem Augenblick und in jedem anderen ist das Mysterium.

Dar√ľber hinaus hat das sch√∂pferische Mysterium eine unabl√§ssige Tendenz, sich selbst immer mehr in seiner umfassenden Natur zu erkennen, sich seiner selbst bewusst werden zu wollen (vgl. LOGOS-Kapitel). Es offenbart sich unentwegt durch sch√∂pferische Impulse, durch unsere Sehns√ľchte und Hoffnungen, es entwirft und projiziert Bilder, Symbole und Modelle, in denen es sich wiedererkennen kann und die seinem Wesen so nahe wie m√∂glich kommen. 

Die höchsten religiösen Werte

Die in uns wirkende Weisheit, Kraft und Ganzheit des sch√∂pferischen Mysteriums zeigt sich in den Symbolen und Begriffen unserer h√∂chsten Werte, wie sie in den Religionen und Philosophien dargestellt werden, z.B. als das unergr√ľndliche Geheimnis, Wunder und Mysterium, als g√∂ttliches Wesen, als das Universum, als die Ur-Energie, die kosmische Intelligenz, das Sein, das Eine ohne ein Zweites, die Sch√∂pfung, das Leben, als alles durchflutendes oder inneres Licht, die goldene Bl√ľte, das Atman, Tao, Alpha und Omega, das g√∂ttliche Prinzip, als G√∂ttin und Gott, als das innere Licht, der g√∂ttliche Funken, die allumfassende Liebe, der innere Meister, der/die Alte Weise, als Sophia, Magier, g√∂ttlicher Heros oder als das g√∂ttliche Kind. In den M√§rchen ist es die "schwer zu erreichende Kostbarkeit", der Schatz oder das Wasser des Lebens, in der Kabbala ist es das "En Soph", in der Astrologie ist es die Einheit der kosmischen und planetaren Energiefelder, in der Alchemie der "Stein der Weisen". 

Die Summe der Paradoxien

Weil das sch√∂pferische Mysterium die Summe aller Polarit√§ten und Paradoxien ist, eine Synthese aus Vergangenheit, Gegenwart und zuk√ľnftigen Entfaltungsm√∂glichkeiten, aus Hellem und Dunklem, Gutem und B√∂sem, aus "M√§nnlichem" und "Weiblichem", stellt es sich auch in vereinigenden Symbolen dar, wie dem Mandala, dem chinesischen Yin/Yang-Symbol, dem TAO oder den vielen Darstellungen der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Die diesen Symbolen entsprechende seelische Erfahrung wird meist in scheinbar widerspr√ľchlichen Worten beschrieben: Sie ist die abgr√ľndige Leere und gleichzeitig die sch√∂pferische F√ľlle, sie ist die tiefe Stille und die g√∂ttliche Musik, sie ist gleichg√ľltige Ur-Natur und √ľberquellende, allumfassende Liebe, sie ist Alles und Nichts, sie ist unendlich weich, mild und sanft, gleichzeitig unzerst√∂rbar fest und tragf√§hig. 

Der Schatz des All-Tags und des Da- und Lebendigseins

Schlie√ülich kann sich das sch√∂pferische Mysterium - da es das Kostbarste ist, was es √ľberhaupt gibt - auch in all dem symbolisieren, was uns im Allt√§glichen als kostbar und wertvoll fasziniert: Geld und Gold, Diamanten und Perlen, Reichtum und Macht, Ruhm und Ehre, Sch√∂nheit und Attraktivit√§t. Letztlich steht hinter allem, was uns irgendwie wichtig ist, auch hinter unseren Leidenschaften, Abh√§ngigkeiten und S√ľchten und unserem so neurotisch erscheinenden Egoismus, unserem Narzissmus, unserem Bed√ľrfnis nach Bedeutsamkeit und Gro√üartigkeit, nichts anderes als die Sehnsucht des sch√∂pferischen Mysteriums nach Selbst-Erfahrung. Meist erkennen wir diesen drangvollen Sehn-Suchts-Charakter nicht als das, was er eigentlich ist. Aufgrund der eigent√ľmlichen Selbstverborgenheit unseres Wesen k√∂nnen wir nicht sp√ľren, dass das, was wir im Geld, im Besitz und in der Sch√∂nheit faszinierend finden und was wir auf diese Bereiche projizieren, zum gro√üen Teil etwas ist, was wir in uns selbst tragen. Dieses ganz Besondere und Au√üerordentliche unserer Existenz wird im √Ąu√üeren gesehen, wo es zwar auch ist, aber eben nicht ausschlie√ülich und nicht vor allem.

Unser gr√∂√üter Schatz ist n√§mlich die oft am wenigsten gew√ľrdigte und am wenigsten bewusste Tatsache, dass wir √ľberhaupt leben, lebendig sind, dass sich in unserer einzigartigen individuellen k√∂rperlichen Gestalt das sch√∂pferische Mysterium manifestiert hat, dass wir Bewusstsein, Kraft und Freiheit haben, es zu verwirklichen und dass wir uns in Liebe mit unseren Mitlebewesen und der Sch√∂pfung verbunden f√ľhlen k√∂nnen. Die Gro√üartigkeit, der Glanz und die Sch√∂nheit unseres unbekannten Wesens sind unsere wahre Gr√∂√üe, unser wahrer Glanz und unsere wahre Sch√∂nheit. Dass wir dies nicht unmittelbar erkennen k√∂nnen, macht die tiefe Tragik des Menschseins aus. Denn wie anders k√∂nnte die Welt aussehen, k√∂nnte unser allt√§gliches Leben aussehen, wenn wir dieses Wunder besser sp√ľren k√∂nnten, wenn wir wirklich begreifen w√ľrden, dass unsere Existenz auf diesem Planeten und dieses Bewusstsein, das wir haben, wahrscheinlich der gr√∂√üte Schatz und das umw√§lzendste Ereignis in dem uns bisher bekannten Universum sind. Die einzig wichtigen Fragen, die sich daraus ergeben, k√∂nnten eigentlich nur sein: Wie kann ich leben, um das Wunder unserer Existenz auf diesem erstaunlichen Planeten Erde richtig zu w√ľrdigen? Wie kann ich mich f√ľr dieses Geschenk dankbar erweisen?

Eine solche Einstellung, die uns bewusst sein l√§sst, dass wir Teil und unmittelbarer Ausdruck des Universums sind, dass sich in uns die Sch√∂pfung selbst erf√§hrt - und zwar immer nur in den unendlichen Formen und Facetten individueller Wesen - sollte nicht erst am Ende unserer seelischen Entwicklung stehen, sondern am Anfang. Sie sollte die Grundhaltung sein, aus der heraus wir leben, denn sie ist die einzig ad√§quate. Sie sollte die Basis sein, mit der wir unsere Kinder auf dieser Erde begr√ľ√üen, mit der wir unsere Kinder erziehen und mit der wir leben und sterben. 

Das Mandala, die vollendete Einheit

Das Mandala (sanskrit=heiliger Kreis) ist das gro√üe universale Symbol, das auf das sch√∂pferische Mysterium hinweist. √úberall auf der Welt, wo Menschen versuchen, etwas Alles-√úbergreifendes, Einheitliches und Ganzheitliches zu gestalten und in eine klar gegliederte Ordnung zu bringen, greifen sie spontan auf die Mandala-Form zur√ľck. Wir finden Mandalas in unendlichen Variationen vor allem in den religi√∂sen Traditionen, aber auch in der Kunst, der Architektur, der Wissenschaft, in der Gestaltung von R√§umen, Fenstern, G√§rten, Kirchen, in der Natur, z.B. in Bl√ľten. In den Religionen symbolisiert es das G√∂ttliche und das Universum, seine Einheit, Polarit√§t und Vielgestaltigkeit, sein Geheimnis und seine Offenbarung. In der Analytischen Psychologie C. G. Jungs wird das Mandala auch als ein Symbol der Ganzheit unseres Wesens, unseres Selbst verstanden. C. G. Jung hatte entdeckt, dass Mandalas spontan in unseren Tr√§umen und Phantasien auftauchen k√∂nnen, insbesondere dann, wenn wir uns in kritischen Lebensphasen befinden oder einer Neuorientierung bed√ľrfen. Er hatte ihr Auftauchen als Selbstheilungs- und Selbstverwirklichungstendenzen der Psyche verstanden. Jung hatte √ľber viele Jahre selber Mandalas gemalt, ohne zun√§chst etwas von der gro√üen Bedeutung der Mandalas als Meditationsgegenstand zu wissen, die sie z.B. in der √∂stlichen Kultur seit Jahrtausenden haben. Er sp√ľrte intuitiv, dass das Mandalamalen ihm half, in die F√ľlle seiner Phantasien Ordnung und Orientierung zu bringen. Er hatte den Eindruck, dass seine Mandalazeichnungen seiner jeweiligen inneren Verfassung entsprachen.
 

Nur allm√§hlich kam ich darauf, was das Mandala eigentlich ist: "Gestaltung - Umgestaltung des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung". Meine Mandala-Bilder waren Kryptogramme (von griechisch kryptos: Text mit geheimer Nebenbedeutung, Anm. des Verfassers) √ľber den Zustand meines Selbst, die mir t√§glich zugestellt wurden. Ich sah, wie das Selbst, d.h. meine Ganzheit, am Werke war. Das konnte ich allerdings zuerst nur andeutungsweise verstehen; jedoch schienen mir die Zeichnungen schon damals hochbedeutsam, und ich h√ľtete sie wie kostbare Perlen. Ich hatte das deutliche Gef√ľhl von etwas Zentralem, und mit der Zeit gewann ich eine lebendige Vorstellung des Selbst. ... Erst als ich die Mandalas zu malen anfing, sah ich, dass alles, alle Wege, die ich ging, und alle Schritte, die ich tat, wieder zu einem Punkte zur√ľckf√ľhrten, n√§mlich zur Mitte. Es wurde mir immer deutlicher: das Mandala ist das Zentrum. Es ist der Ausdruck f√ľr alle Wege. Es ist der Weg zur Mitte, zur Individuation.[28]

 

Abb. Von Jung gemaltes Mandala

Die H√§ufigkeit mit der Mandalas √ľberall auf der Welt erscheinen, weist darauf hin, dass ihre Gestalt unserer Psyche in hohem Ma√üe entspricht und auch unser √§sthetisches Empfinden tief befriedigt. Philosophische und psychologische Anschauungsmodelle haben deshalb oft auch eine Mandalaform und meist nicht mehr als 3-5 Elemente. Mit drei bis maximal f√ľnf Elementen einer Theorie k√∂nnen wir relativ gut umgehen, sie pr√§gen sich leicht ein. Alles andere wird zu un√ľbersichtlich und zu komplex. Wir finden solche Anschauungsmodelle in den √∂stlichen Religionen (eben z.B. als Mandala), aber auch in der abendl√§ndischen Antike und insbesondere auch in der Mystik des Mittelalters. 

                                    Ich wei√ü nicht, was ich bin,
                                    ich bin nicht, was ich wei√ü;
                                    Ein Ding und nit ein Ding,
                                    ein St√ľpfchen oder Kreis.
                                                           Angelus Silesius

 

Das Mandala - und damit auch das Pentaolon-System - nimmt sowohl an der Symbolik der geometrischen Grundfiguren Punkt, Linie, Dreieck, Quadrat und Kreis, als auch an der Symbolik der Zahlen (insbesondere der ersten f√ľnf) teil. Wesentliche Aspekte der Individuation und der Lebenskunst lassen sich bereits in der Zahlen- und Formsymbolik des Mandala finden, weshalb sie im folgenden kurz zusammengefasst werden soll.

Das Mandala hat folgende Grundelemente: einen √§u√üeren Kreis, einen Mittelpunkt (das innere Zentrum) und eine den Mittelpunkt umgebende Vierer-Struktur, die oft als Kreuz oder Quadrat dargestellt wird. Die einfachste Form des Mandala ist ein Kreuz im Kreis. In den klassischen Mandaladarstellungen wird diese Grundstruktur vielf√§ltig variiert. Viele Mandalas verwenden weitere Unterteilungen, die meist ein Vielfaches der Zahlen zwei und drei sind, also z.B. 6, 8, 12 und 16. Die ersten f√ľnf Zahlen und die ihnen zugeordneten Grundformen erscheinen aber von ihrer symbolischen Bedeutung her als die wichtigsten. In den meisten F√§llen variieren und differenzieren die nachfolgenden Zahlen lediglich die in den ersten f√ľnf Zahlen enthaltenden Aspekte und bringen wenig essentiell Neues.

Null: Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage

 

Abb.: Kreis

Die Kreisform des Mandala, dem sich die Zahl Null zuordnen l√§sst, l√§sst sich in zweifacher Weise verstehen. Zum einen als uranf√§ngliche, latente, nicht-duale Ganzheit, als das sch√∂pferische Mysterium des Seins, bevor es ins Sein getreten ist. Zum anderen kann man den Kreis - insbesondere wenn man von seinem unsichtbaren Mittelpunkt als der latenten Ursprungseinheit ausgeht - als den im Leben verwirklichbaren und verwirklichten Teil der Ursprungseinheit und -ganzheit ansehen. Damit sto√üen wir auf eine paradoxe Doppeldeutigkeit, die im Wesen der Symbole und der Einheitswirklichkeit liegt und mit der wir lernen m√ľssen zu leben. Der Kreis ist Anfang und Ende zugleich.

Vor oder hinter unserem bewussten Erfahren und Wissen gibt es eine Einheitswirklichkeit, in der die Dinge des Lebens in √§u√üerst komplexer Form miteinander verbunden sind und sich in einem st√§ndigen Prozess des Austausches befinden. Die letzte Wirklichkeitsdimension, aus der heraus wir leben, ist aber so komplex und paradox, dass kein Bild, kein Wort, kein Ausdruck gefunden werden kann, um sie zu bezeichnen. Die indischen Upanishaden beschreiben diese Dimension mit einer doppelten Verneinung "Neti neti" (nicht nicht; es ist dies nicht, es ist jenes nicht). Die h√∂chsten Symbole des Menschen sind deshalb auch die am wenigsten gestalt- und differenzierbaren, die unanschaulichsten, in gewisser Weise zugleich die einfachsten: der Kreis, die Leere, die zugleich die F√ľlle ist, das Nichts, das zugleich Alles ist, die Einheit ohne Zweiheit, das Sein, der Kosmos, die reine Energie, der Geist, das h√∂chste Bewusstsein.

Aus der Sicht unseres auf Polaritäten angewiesenen Bewusstseins erscheint diese Dimension als negativ, als eigentlich gar nicht vorhanden, obwohl es das eigentlich positive, das eigentlich wirklich vorhandene ist, während unsere im Bewusstsein aufscheinenden Vorstellungen eher illusionären Charakter haben, weil in ihnen die Komplexität des Daseins auf einen minimalen Ausschnitt reduziert wird.

Der TAOTEKING beginnt mit seinen ber√ľhmten dunklen Worten, die sich genau auf dieses eigentliche Sein vor oder hinter der Welt der bewussten Erscheinungen beziehen:
 

Das Tao, das enth√ľllt werden kann, ist nicht das ewige TAO.
Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name.

LAO TSE[29]

 

Eins: Alles ist Eins

 

Abb.: Kreis und Punkt

Die Eins - im Mandala als Mittelpunkt dargestellt - symbolisiert dem Wesen nach das gleiche wie die Null: die unaussprechliche Einheit und Ganzheit all dessen, was ist. Sie symbolisiert damit auch den h√∂chsten von uns gesuchten und erfahrbaren Wert. Diese h√∂chste Bedeutung der Zahl Eins ist auch in unserem Alltagsdenken noch pr√§sent. Der oder die Erste zu sein hei√üt f√ľr uns: der oder die Beste, Attraktivste zu sein, Macht, Bedeutung, Ruhm, Ehre und Einfluss, Energie und Potenz zu besitzen.

Die Eins bezeichnet aber auch den Anfang einer Sache, den ersten Schritt ins Dasein, die Initiation. Sie verkörpert damit das aktive Prinzip im Vergleich zur Null, die mehr das passive Prinzip darstellt. So gesehen bezeichnet sie die erste Bewegung des schöpferischen Mysteriums, das sich nun zu manifestieren beginnt.

Die unoffenbare Ursprungseinheit l√§sst sich somit durch die Zahl Null symbolisieren, die sich offenbarende, manifestierende Ursprungseinheit mit der Zahl Eins. √úber dieses Verh√§ltnis von Null und Eins sagt der TAOTEKING im gleichen oben erw√§hnten ersten Text weiter: 

                              Beides ist eins seinem Ursprung nach
                              und nur verschieden durch den Namen.
                              In seiner Einheit hei√üt es das Geheimnis.
                              Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
                              ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

                                                                                      LAO TSE[30] 

Zwei: Die Auseinandersetzung ist der Vater aller Dinge

 

Abb.: Polarität

Wie wir bei den Zahlen Null und Eins eben schon gesehen haben, ist es fast unm√∂glich, nicht in ein polares Denken zu verfallen, wenn wir beginnen, uns etwas bewusst machen zu wollen. Sobald die Ursprungseinheit in Erscheinung tritt, manifestiert sie sich zugleich in Polarit√§ten. Alles Existierende vollzieht sich f√ľr uns in der Spannung und im Wechsel polarer Aspekte. Wir k√∂nnen nie das eine ohne das andere haben. Ohne Polarisierung gibt es keine Orientierung in unserer Welt.

In den verschiedenen philosophischen, psychologischen und religi√∂sen Systemen sto√üen wir immer auf universale Polarit√§tspaare, von denen einige hier aufgez√§hlt seien: Sein und Nicht-Sein, Materie und Energie, Leben und Tod, Dynamik und Stabilit√§t, Ein und Aus, Ja und Nein, Innen und Au√üen, Introversion und Extraversion, Oben und unten, Links und Rechts, Hinten und Vorne, Vor und Zur√ľck, Aufstieg und Abstieg, Progression und Regression, Loslassen und Handeln, Vergangenheit und Zukunft, Jung und Alt, K√∂rper und Geist, Weiblich und M√§nnlich, Gut und B√∂se, Wahrheit und T√§uschung, Sch√∂nheit und H√§sslichkeit, Macht und Liebe, Bewusstes und Unbewusstes.  

Drei: Aller guten Dinge sind drei

Die Dreizahl findet in Mandalas meist in doppelter Hinsicht Verwendung. Oft symbolisiert sie die Vereinigung der Polaritäten in einem dritten Punkt nach dem Muster: These, Antithese, Synthese oder Mutter, Vater, Kind. Dieser Bedeutungsaspekt findet sich auch in der Kreuzsymbolik, wenn die beiden Balken als zwei sich durchdringende und vereinigende Polaritäten angesehen werden.

 

Abb. Kreuz

Das Erreichen dieser Synthese ist aber h√§ufig sehr schwierig und mit vielf√§ltigen Leiden und Spannungen verbunden. In der Kreuzsymbolik des Christentums wurde insbesondere diese Konflikthaftigkeit dargestellt. Der gekreuzigte Jesus wurde zum Sinnbild des mit unserer Existenz verbundenen Leidens, die insbesondere durch die fast un√ľberwindliche Spannung zwischen dem Guten und B√∂sen, dem Geistigen und dem Triebhaften, dem G√∂ttlichen und dem Menschlichen gekennzeichnet ist.

Sehr häufig werden aber auch Aspekte und Entwicklungsstufen in einer Dreierfolge aufgezählt: Anfang, Mitte, Ende; Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft oder Unterwelt, Erde und Himmel. Viele psychologische Modelle haben eine solche Aufteilung, z.B. Körper, Seele und Geist, oder Es, Ich und Über-Ich im Strukturmodellmodell der Psychoanalyse, oder auch Kindheits-Ich, Erwachsenen-Ich und Eltern-Ich in der Transaktionsanalyse. Im LOGOS-Kapitel haben wir drei Stufen der Bewusstseinsentwicklung beschrieben: die undifferenziert-präpersonale, die differenziert-personale und die integrativ-transpersonale.

Insgesamt ist die Drei eine aktive, dynamische Zahl, die vor dem Hintergrund polarer Spannung auf ein bestimmtes, vereinigendes Ziel hindeutet und hindr√§ngt. 

Vier: Die Quadratur des Kreises

 

Abb.: Quadrat

Ein weiteres grundlegendes Element des Mandala ist die Vierzahl und damit verbunden das Quadrat. Die Vier ist im Vergleich mit der Drei nicht so dynamisch, daf√ľr kompletter. Man k√∂nnte in ihr eine Ausdifferenzierung der in der Drei angestrebten Vereinigung der Polarit√§ten sehen. Sie ist eine Art "Quadratur des Kreises": das, was im Kreis latent als M√∂glichkeit der Entfaltung verborgen ist, findet im Quadrat seine konkrete Verwirklichung und Bewusstwerdung. "Vier Elemente, innig gesellt, bilden das Leben, bauen die Welt" (Friedrich Schiller)[31] 

F√ľnf: Die Quintessenz

Die vier Elemente, die sich im Quadrat polar gegen√ľberstehen, finden ihre Synthese - je nach Blickwinkel - im √§u√üeren Kreis oder im Mittelpunkt. Der Ursprung und das Ziel fallen in eins. Das sch√∂pferische Mysterium ist st√§ndig vorhanden, am Anfang, in der Mitte, am Ende und immer und zu jeder Zeit dazwischen. Das f√ľnfte Element bezeichnet damit die Summe, die Ganzheit, die Quintessenz, das alle vier Aspekte integrierende, transzendierende Eine. Es ist die Achse, um die sich alles dreht. Es ist das unerkennbare und doch dauernd sich selbst offenbarende Mysterium auf den verschiedenen Ebenen der Evolution und der Entwicklung, der MYSTOS im Pentaolon-System. Es offenbart sich in unendlich vielen Aspekten, ohne darin jemals vollst√§ndig aufzugehen. Es bleiben immer noch unendliche, nicht vorhersehbare M√∂glichkeiten (Mutationen, Quantenspr√ľnge), die f√ľr √úberraschungen sorgen. In die Mitte des Mandala als f√ľnftem Punkt werden in der Tradition h√§ufig Symbole des h√∂chsten Wertes eingef√ľgt: z.B. ein Diamant, eine goldene Bl√ľte, eine Gottheit wie z.B. Jesus, Buddha, eine mythologische Gestalt wie z.B. Hermes-Mercurius, das g√∂ttliche Kind oder das sich vereinigende g√∂ttliche Paar.

 

Abb.: Maria Prophetissa  

Die heilige Hochzeit

Die umfassende Bedeutung, die die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau sowohl als konkrete Handlung als auch transzendentes Symbol f√ľr den Menschen hat, wird dadurch verst√§ndlich, dass aus ihr unser Dasein und Leben hervorgeht. Hinzu kommt, dass sie die wohl am dringlichsten und unmittelbarsten erlebte Gegensatzspannung, n√§mlich die zwischen Mann und Frau, √ľberwindet. Aus diesen beiden Gr√ľnden ist sie das Hauptthema, das M√§nner wie Frauen bewegt, die einen wohl mehr auf der k√∂rperlichen Ebene, die anderen mehr auf der partnerschaftlichen. Wenn man sich l√§ngere Zeit mit dieser Thematik besch√§ftigt, dann scheint es, als ob sich in allem und jedem, im Untersten und Obersten, im H√∂chsten und Tiefsten, im Heiligsten und Profansten, dieses ewige Thema spiegelt. So wundert es nicht, dass der Vorrat an diesbez√ľglichen eindeutigen Anspielungen unersch√∂pflich scheint und dass Sigmund Freud in allen Symbolen des Unbewussten immer nur das gleiche zu erkennen glaubte. Auch wenn man zugesteht, dass es noch ein paar andere Sachen im Leben gibt, so muss man doch sehen, dass sich das meiste, das im Leben Spa√ü macht, irgendwie aus dieser Quelle speist. Wenn der tapfere Held am Ende nicht seine Geliebte befreien kann, wenn der abstrakte Logos seinen Geist nicht in eine materielle Form ergie√üen kann, dann macht alles keinen rechten Spa√ü und Sinn. Das dies so ist, braucht uns nicht zu wundern, wenn uns klar wird, dass der Urknall bereits der erste Orgasmus war und wir die Kinder dieses sch√∂pferischen Aktes sind. In unseren eigenen Orgasmen erinnern wir uns an jene ekstatische Sch√∂pfungskraft, mit der sich das All und Eine in die Existenz brachte.

Ein zweiunddreißigjähriger Mann hat am Anfang einer sehr intensiven Liebesbeziehung den folgenden Traum:
"Ich schlafe ganz leidenschaftlich und lustvoll mit meiner Partnerin. Nach und nach wird mir deutlich, dass wir beide in einer Kirche sind und mitten auf dem Altar liegen. Ich kann zwar nicht sehen, ob andere Leute anwesend sind, aber es ist mir peinlich, dass es hier so √∂ffentlich ist, auch bef√ľrchte ich, dass der Pfarrer kommen k√∂nnte und uns des Sakrilegs beschuldigen k√∂nnte."

Zum einen zeigt das Unbewusste dieses Tr√§umers, dass die Sexualit√§t eine religi√∂se und heilige Handlung ist. Das Unbewusste hat noch ein Wissen vom Mysterium der Sexualit√§t: Der Mensch verbindet sich mit einem anderen Menschen ebenso wie mit seinem K√∂rper und dem des anderen, damit mit dem K√∂rperlich-Erdhaften und letztlich mit der Erde selbst. Insofern stellt die Sexualit√§t eine Verbindung zu seinen Wurzeln dar, zur eigenen Tiefe, zum eigenen Unbewussten und dem der Menschheit. Und zugleich, das sp√ľren wir oft sehr deutlich, zieht uns der Eros der Sexualit√§t √ľber das Konkret-K√∂rperliche hinaus in seelisch-geistige, religi√∂se Dimensionen, verbindet uns mit der √ľbermenschlichen Sch√∂pferkraft und Sch√∂pfungsenergie. Insofern stellt die Kirche eigentlich genau den richtigen Ort dar, um das mysterium coniunctionis, das Wunder der Vereinigung der Gegens√§tze, zu zelebrieren.

Zum anderen zeigt der Traum in der Reaktion der Peinlichkeit und der Angst vor dem Pfarrer und dem begangenen Sakrileg aber unsere tiefe Gespaltenheit, die dadurch entsteht, dass diese heilige Handlung vom √úber-Ich, von unserer Kultur und Religion aus der Kirche ausgeschlossen worden ist. Der Tr√§umer hat somit teil an der Angst der meisten Menschen vor der immensen Kraft des EROS. Die Angst vor Eros und Sexualit√§t hat nat√ľrlich etwas Archetypisches, denn immerhin geht es in der Ekstase der Sexualit√§t ja um Ich-Aufl√∂sung. EROS und Ekstase sind ein "fascinosum", also faszinierend und ein "tremendum", also erzittern lassend, zugleich. Wenn Sexualit√§t als heiliges Mysterium erlebt wird, geht das Ich aus ihr ver√§ndert hervor. "Todeshochzeit" nennt z.B. Erich Neumann dieses Ph√§nomen und meint damit, dass das Ich sich selber aufgeben muss, also in gewisser Weise stirbt, um das ekstatische, mysteri√∂se Wesen des Selbst zu erfahren und danach ver√§ndert wiedergeboren wird.

Aber vor allem spiegelt sich in obigem Traum eine √úber-Ich-Angst des Tr√§umers und unser aller √úber-Ich-Angst, was gut erkennbar ist an der Scham und Peinlichkeit, die er empfindet. Jahrtausende lang haben weltliche und geistliche M√§chte die Sexualit√§t verteufelt und das hat seine Spuren in uns hinterlassen. Ungeheure menschliche Energien sind in das Bestreben geflossen, EROS, Sexualit√§t, K√∂rperlichkeit, Sch√∂nheit und Freude irgendwie zu entmachten. Religi√∂se Lehrer, Philosophen, Politiker, Richter, Asketen und viele mehr besch√§ftigten sich zu Tausenden mit dieser Aufgabe. EROS wurde zur S√ľnde des Fleisches und zur Eitelkeit der Welt. Im besten Fall wurde er bem√§ntelt, verschwiegen, in seiner g√∂ttlichen Kraft verharmlost und verd√ľstert oder er wurde herabgew√ľrdigt und verteufelt. Im schlimmeren Fall wurden Menschen bestraft, die es wagten, dem EROS zu folgen, man denke etwa an die Steinigung der Ehebrecherin (Johannes 7, 53-8,11). Vor diesem Hintergrund wagt es der Tr√§umer, so wie viele andere auch, nicht mehr ganz offen zu seinem erotischen Verlangen und dessen Befriedigung zu stehen. Und sein Bewusstsein wei√ü nichts mehr vom Mysterium der Vereinigung, der heiligen Hochzeit, die als religi√∂ses Ritual gefeiert wird. Die Heilige Hochzeit wird in den unterschiedlichsten Mythologien als rituelle Vereinigung zwischen Gott und G√∂ttin, K√∂nig und K√∂nigin, Priester und Priesterin, G√∂ttlicher, priesterlicher oder k√∂niglicher Gestalt und Mensch oder zwischen zwei Menschen beschrieben. Ihr Wesen ist, das zugleich ein konkreter sexueller Akt und ein symbolisches Ritual oder ein religi√∂ser Ritus stattfinden. Die k√∂rperliche Vereinigung bekommt dadurch eine Tiefendimension als Mysterium Coniunctionis, als Mysterium der Vereinigung und der Verbundenheit, nach der wir uns in der innigen k√∂rperlichen Vereinigung vermutlich immer sehnen. Das k√∂rperliche Um- und Ineinandersein wird zu einem inneren, seelischen, geistigen und mystischen Erleben, das zum einen eine pers√∂nliche Beziehung wie auch eine Vereinigung mit dem Transzendenten, dem Universum oder Kosmos, dem G√∂ttlichen, dem Ewig-Seienden darstellt.  

Das innere Kind: Zum Lebendigsein begabt

Eines der treffendsten und sch√∂nsten Symbole f√ľr das lebendige sch√∂pferische Mysterium in uns ist das g√∂ttliche Kind.
 

Es personifiziert Lebensm√§chte jenseits des beschr√§nkten Bewusstseinsumfanges, Wege und M√∂glichkeiten, von denen das Bewusstsein in seiner Einseitigkeit nichts wei√ü, und eine Ganzheit, welche die Tiefen der Natur einschlie√üt. Es stellt den st√§rksten und unvermeidlichsten Drang des Wesens dar, n√§mlich den, sich selber zu verwirklichen. Es ist ein mit allen nat√ľrlichen Instinktkr√§ften ausger√ľstetes Nichtandersk√∂nnen, w√§hrend das Bewusstsein sich stets in einem vermeintlichen Andersk√∂nnen verf√§ngt. Der Drang und Zwang zur Selbstverwirklichung ist Naturgesetzlichkeit und daher von un√ľberwindlicher Kraft, auch wenn der Beginn ihrer Wirkung zun√§chst unansehnlich und unwahrscheinlich ist.

C. G. Jung[32]

 

In unseren Tr√§umen finden wir recht h√§ufig das Motiv des Kindes, nicht immer ist es lebendig, freudig und spontan, h√§ufig ist es vernachl√§ssigt und einsam. Dies weist darauf hin, dass wir unsere kindlichen Bed√ľrfnisse und M√∂glichkeiten, die ja auch auf das sch√∂pferische Mysterium und unsere Ganzheit hinweisen, nicht gen√ľgend wahrnehmen. Vielleicht verdr√§ngen wir unsere Sehnsucht nach einf√ľhlsamer Liebe, warmer Geborgenheit, hilfreicher F√ľrsorge und Unterst√ľtzung, um anderen gegen√ľber sicher, stark und unabh√§ngig zu erscheinen. Oder vielleicht trauen wir uns nicht, unsere kindliche Lebensfreude, Neugier und Phantasie zu zeigen, um uns nicht in den Augen anderer l√§cherlich zu machen.

Bei diesem inneren Kind geht es aber nicht nur um unsere Vergangenheit und unsere damals erlittenen kleineren und größeren Traumata, sondern vor allem um unsere unmittelbare Gegenwart, es geht um die Frage, wie wir mit unserer Lebensessenz, unserem innersten Wesen umgehen. Erscheint das verlassene oder bedrohte Kind in unseren Träumen, dann sollten wir sehr wachsam sein und zu verstehen suchen, welche innere Not und Sehnsucht sich in ihm darstellt. Wie können wir das tun?

Zun√§chst nat√ľrlich m√ľssten wir das Kindliche in uns √ľberhaupt vermissen, m√ľssten trauern und darunter leiden, dass uns etwas Lebenswichtiges verloren gegangen ist. Wir m√ľssten sp√ľren, dass wir aufgeh√∂rt haben, die Welt mit offenen, neugierigen Augen zu betrachten und st√§ndig neue Fragen an sie zu richten. Wir m√ľssten sp√ľren, dass wir aufgeh√∂rt haben zu spielen, zu tanzen, zu lachen und zu weinen. Wenn wir unser verlorenes Kind mit ganzem Herzen vermissen, wird diese Sehnsucht nach ihm unsere Suche steuern.

Schauen wir uns in unseren Lebensbereichen um, ob wir irgendwo eine Spur von ihm entdecken k√∂nnen. Wann waren wir das letzte Mal so richtig ausgelassen, albern, haben jemandem einen Streich gespielt, haben uns ganz ungeniert gehen lassen? Wann haben wir uns das letzte Mal √ľber eine Kleinigkeit "wie ein kleines Kind" gefreut? Bei welcher T√§tigkeit haben wir Zeit und Raum um uns herum total vergessen? Wann haben wir zuletzt von gro√üen, neuen M√∂glichkeiten getr√§umt und wundersch√∂ne Luftschl√∂sser gebaut? Wann waren wir das letzte Mal voller Trotz, voller Zorn, aber auch voller Bewegungslust und Sinnlichkeit, voller Z√§rtlichkeit und Liebesbed√ľrftigkeit?

Wenn unsere Lebensr√§ume bereits so erwachsen eingerichtet sind, dass f√ľr diese "Kindereien" kein Raum mehr bleibt, dann m√ľssen wir uns zur√ľckversetzen in die Spiele, Sehns√ľchte und W√ľnsche unserer Kindheit. Was sind unsere fr√ľhesten Erinnerungen? Was waren unsere Lieblingsphantasien, Lieblingsgeschichten, Lieblingsm√§rchen, Lieblingsfilme? Mit welchen Helden, Idolen, Personen haben wir uns identifiziert? Welchen Beruf wollten wir ergreifen? Was haben wir uns von unserem sp√§teren Erwachsenendasein ertr√§umt? Wovor hatten wir am meisten Angst? Was stellten wir uns vor, was wir tun w√ľrden, wenn wir endlich gro√ü geworden w√§ren?

Das geduldige Einlassen auf diese Fragen bildet nicht nur eine Br√ľcke zu unserem inneren Kind, sondern bietet auch wertvolle Aufschl√ľsse √ľber unsere damalige seelische Situation. Jede unserer Haupterinnerungen und jede unserer Lieblingsgeschichten stellt eine kleine, in sich geschlossene Abbildung unserer damaligen Begabungen, Hoffnungen und √Ąngste dar. Viele davon bestimmen auch heute noch unbewusst unser Verhalten und Erleben, weil sie unverarbeitet geblieben sind. Und wenn man sich leidenschaftlich mit der Wiedergewinnung des inneren Kindes besch√§ftigt hat, dann mag uns unsere Seele mit einem Traum beschenken wie dem folgenden einer 44-j√§hrigen Frau, in dem auch eine Reihe anderer Ganzheitssymbole auftauchen (Rundheit, Quadrat, Vierzahl, F√ľnfzahl).

"Ich bin auf einem orientalischen Markt oder Basar, unter freiem Himmel. Menschen dr√§ngen sich vor√ľber, alle wei√ü gekleidet, auch die Haare bedeckt, die Frauen mit wei√üen T√ľchern, die M√§nner mit wei√üen Kappen. Es ist laut und lebendig. Von links hinten kommt eine Art Zug. Ein Junge wird von M√§nnern hochgehalten und getragen. Der Zug kommt n√§her, und ich kann den Jungen genau sehen. Er wirkt erst, als sei er etwa zwei bis drei Jahre alt, dann wie zehn, dann wieder zwei bis drei, das Alter wechselt st√§ndig. Wir schauen uns an. Er lacht ein bezauberndes kindlich-unbefangenes, lebendiges Lachen. Sein Gesicht ist ganz rund, strahlend, sein Blick voller Freude. Ich habe den Eindruck von seinem Blick ins Herz getroffen zu sein, und es kommt eine ganz starke, warme, strahlende Freude in mir auf und ein ganz starkes Gef√ľhl von Sehnsucht. Dann h√∂re ich Stimmen, wie ein Chor: "Das ist dein Kind." Ich sage voller Freude: "Das ist mein Kind." Wir lachen uns an, freuen uns, es winkt und lacht mir zu, w√§hrend es weiter getragen wird und schlie√ülich in einer Stra√üe, die nach rechts oben verl√§uft, verschwindet.

Dann ist der Platz pl√∂tzlich menschenleer und jetzt der quadratische und zugleich runde Innenhof einer Moschee. Der Boden besteht aus lauter Quadraten. Mir f√§llt zuerst ihre Gr√∂√üe auf. Sie ist genau so gro√ü, wie ich selber ein Quadrat als richtig empfinde und mit der Hand nachzeichnen w√ľrde. Wahrscheinlich zehn mal zehn Zentimeter. Dann sehe ich genau im mittleren Quadrat vier Zeilen geschrieben. Ich lese sie, kann den Inhalt aber nicht wirklich aufnehmen. Es geht um Liebe. Dann geht es um die vier: die vier Zeilen, die vier Seiten, die vier Eckpunkte. Das Quadrat erscheint jetzt auch in einer Mauer, die den Hof begrenzt. Ich denke, dass das die Gebets- oder die Klagemauer ist. Dann sehe ich wieder f√ľnf Punkte betont."

Die symbolische Zahlenspekulation, mit der die Tr√§umerin ihren Traum beendet, weist auf ihr Bed√ľrfnis, die Ganzheit, die ihr lebendig und hoch emotional im Kind begegnet ist, in eine logische Ordnung zu bringen, was aber nicht ganz gelingt - und auch niemals jemandem gelingen kann - und was im Wechsel zur Zahl F√ľnf angedeutet ist. Aus dem Zusammenwirken - oder Zusammenprallen - der √§u√üeren Welt, der Notwendigkeit, das Leben in der Materie zu leben und der F√ľlle, die immer √ľber das konkret Lebbare hinausgeht, entsteht eine sch√∂pferische Spannung, die unser eigentlicher Lebens- und Entfaltungsmotor ist. 

Hermes-Mercurius

Eine weitere Symbolgestalt, die in vielerlei Hinsicht der des Kindes √§hnelt und die verborgene Ganzheit unseres Wesen, den MYSTOS, treffend darstellt, darf hier nicht unerw√§hnt bleiben: Hermes-Mercurius. Hermes-Mercurius erscheint manchmal als Kind, manchmal als J√ľngling, manchmal als Alter Weiser, er ist zweigeschlechtlich. Seine paradoxe Gestalt mit seinen seltsamen, widerspr√ľchlichen Eigenschaften ist besser als alle anderen in der Lage, die Essenz, das Wesentliche und das Sch√∂pferische, zugleich aber auch das Problematische und Dunkle des MYSTOS zu symbolisieren. Hermes-Mercurius vermag auch eine vers√∂hnende Br√ľcke zu bauen zwischen einer rational-konkreten und einer mystisch-symbolischen Einstellung, wobei er allerdings ein H√∂chstma√ü an Toleranz, Offenheit und Bereitschaft, Sachverhalte auch ungekl√§rt zu lassen, von uns fordert.

 

Abb.: Hermes-Mercurius als die Gegensätze vereinigendes Symbol [33]

Hermes-Mercurius ist zun√§chst und haupts√§chlich ein Gott leichter, beweglicher Dynamik, er ist der Grenzen√ľberschreiter par excellence. In der griechischen Mythologie ist er als G√∂tterbote unter verschiedenstem Auftrag st√§ndig unterwegs. Er ist Mittler und Verbinder der verschiedenen √§u√üeren und inneren Welten und bewegt sich leichtf√ľ√üig zwischen Tag und Nacht, G√∂tterwelt und Menschenwelt, Menschenwelt und Unterwelt und l√§sst √ľberall seine Beziehungen spielen. Er ist der "Gott" der Medien, die in irgendeiner Weise Botschaften, Nachrichten, Informationen vermitteln und verbreiten. Er gilt in der griechischen Mythologie auch als der Herr der Wege und Kreuzungen, als Gott der Menschen, die unterwegs sind aus welchen Gr√ľnden auch immer: Wanderer, Reisende, fahrendes Volk, Abenteurer, Kaufleute, Boten, Diener und Diplomaten, Agenten und Spione. Seine gefl√ľgelten F√ľ√üe weisen auf seine F√§higkeit des Fliegens, der Schnelligkeit , der Ungreifbarkeit und des Transzendierens. Seine kommunikativen und vermittelnden F√§higkeiten erm√∂glichen es, scheinbar unvers√∂hnliche Gegens√§tze miteinander zu verbinden.

Hermes ist als Diplomat und Vermittler auch ein Meister in der Kunst der Kommunikation und Manipulation. Durch seine Freundlichkeit und hohe Beredsamkeit, seine geistige Beweglichkeit und manuelle Geschicklichkeit, mit Hilfe von List, Verf√ľhrung, √úberredung und T√§uschung bringt er die Menschen dazu zu glauben, was sie glauben sollen. Somit ist er auch der Schutzpatron der Gaukler, Taschenspieler und T√§uschungsk√ľnstler, der Diebe und Betr√ľger. Er deutet die Fakten so, wie er es braucht - Hermeneutik ist die Kunst der Deutung - und formuliert so, dass er nicht wirklich festzulegen ist und immer noch ein Hintert√ľrchen offen hat, aus dem er dann flugs entweicht, wenn man glaubt, ihn dingfest gemacht zu haben.

In der klassischen Astrologie werden dem Planeten Merkur u. a. folgende weitere typische Berufe zugeordnet (au√üer den oben bereits erw√§hnten): Vermittler, Spekulanten, Erfinder, Schriftsteller, Kritiker, Schauspieler, Zauberk√ľnstler, Journalisten, Entdecker, Flieger, Lehrer und Psychologen.

Ihnen allen gemeinsam ist eine gewisse grenzen√ľberschreitende und vermittelnde Funktion. Innerhalb einer engeren konventionellen Moral und Ethik m√∂gen die geschilderten Eigenschaften des Hermes eher negativ und amoralisch erscheinen, aber auf dem Felde der psychologischen Arbeit sind sie unumg√§nglich notwendig, um die erstarrten Pers√∂nlichkeits- und Lebenssysteme lockern und aufl√∂sen zu k√∂nnen. Aber auch alle Menschen, die sich auf dem Wege zu sich selbst befinden, bed√ľrfen ihres inneren Hermes. Hermes-Mercurius ist nicht nur der "Ahnvater" und Gott aller hermetischen K√ľnste sondern auch zugleich ein F√ľhrer, der den Suchenden durch die verschiedensten Bereiche der unbewussten Dimensionen des Mysteriums der Seele zu f√ľhren vermag und ihn vor Gefahren, Verlockungen und Fallstricken sch√ľtzt.

Hermes ist als Grenzen√ľberschreiter ein Freund des Chaos und ein Feind von k√ľnstlichen Begrenzungen und einschr√§nkenden Ordnungen. Wir finden ihn √ľberall dort wirksam, wo "Borderline"- und Grenzlinien - Zust√§nde herrschen, wo es um Aufl√∂sung und Ver√§nderung geht. Sein Lebenselement ist die Dunkelheit der Nacht, aber auch das Zwielichtige, Nebelhafte, Ungewisse und sein Hauptcharakteristikum ist seine polare, paradoxe Natur, die ihn bef√§higt, sich nicht mit einem Gegensatz zu identifizieren, sondern zu Menschen und Dingen in einer eigent√ľmlichen Distanz zu bleiben. Er ist schillernd, unstet, unbestimmbar, widerspr√ľchlich, sich st√§ndig an anderem Ort und in anderer Gestalt zeigend.

Hermes besitzt einen Zauberstab, den Caduceus (griech.: Kerykeion). Die beiden polar angeordneten Schlangen weisen auf seine heilende, wandelnde, integrative Kraft, die Polarit√§ten vers√∂hnende F√§higkeit hin. Die Fl√ľgel symbolisieren, wie schon bei den Schuhen, leichte Beweglichkeit, Luftigkeit, Geistigkeit, Bewusstheit, einen freien Zustand √ľber den Gegens√§tzen. Mit ihm, den man zusammengefasst als ein Symbol f√ľr die sch√∂pferische, grenzen√ľberschreitende, gegensatzvereinigende "transzendente Funktion" der Seele auffassen kann, verzaubert Hermes uns, er inspiriert uns, ver√§ndert unser Bewusstsein, versetzt uns in Trance und schickt uns viele Symbole, Phantasien, Tr√§ume und Visionen.

Unser modernes Bewusstsein ist √ľberwiegend vom LOGOS gepr√§gt und fordert Eindeutigkeit, Klarheit, Logik, Ordnung. Das rationale Denken bedarf der Unterscheidung, Zergliederung, Isolierung, Abstraktion und Reduktion, und es muss immer dann scheitern, wenn es auf die komplexe Vielschichtigkeit des Lebens trifft, die eben ganz und gar nicht eindeutig, klar, logisch und geordnet, sondern vieldeutig, widerspr√ľchlich, irrational und paradox ist. Um einen angemessenen Zugang zur Ganzheit des Lebens zu finden, bedarf es eines hermetischen, mercurialen Bewusstseins.

Die archetypische Symbolgestalt des Hermes-Mercurius repr√§sentiert die unserem rationalen Bewusstsein paradox und unverst√§ndlich erscheinenden Eigenschaften des sch√∂pferischen Mysteriums und der Ganzheit und Einheit des Lebensprozesses. Diese Lebensganzheit ist ihrem Wesen nach vieldeutig und widerspr√ľchlich, insofern sie unserem Bewusstsein unvereinbar erscheinende Gegensatzpaare in sich vereint, so z.B. Wahrheit und T√§uschung, Weisheit und Dummheit, Freude und Leid, Heiliges und Profanes, G√∂ttliches und Teuflisches usw. √úberall dort, wo, in welcher Form auch immer, das Mercuriale erscheint, begegnen wir der anderen Wirklichkeit, dem untergr√ľndigen Eins- und So-Sein unserer Existenz, die sich unserem festhaltenden Zugriff aber sofort wieder entzieht. Indem es einen Kontakt mit dieser ganzheitlichen Dimension des Lebens herstellt, vermag das Mercuriale unser zu eng eingestelltes Bewusstseinssystem aus seiner Einseitigkeitsverkrampfung zu befreien, es zu entspannen und zu erweitern, aber auch, es mit der Gefahr der Aufl√∂sung zu bedrohen, wenn es zu labil ist.

Umgekehrt wird √ľberall da, wo es um Schwellensituationen und um Systeme geht, die an ihre Grenzen gekommen sind, der Archetyp des Hermes-Mercurius konstelliert, der dann Verwirrung, Desorientierung, Unsicherheit und Angst, aber auch befreiendes Lachen stiftet. So h√§ufen sich beispielsweise in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs tricksterhafte Manifestationen: Die Narren, Verr√ľckten, die Clowns, die Kom√∂dianten, Kabarettisten, Satiriker erwecken zunehmendes Interesse, alternatives Leben wird gesucht und erprobt, Gegens√§tzlichstes steht schroff nebeneinander, alles wird m√∂glich, kurzum: die Welt dreht durch und wird ver-r√ľckt. Und √ľber allem fliegt Hermes und freut sich diebisch √ľber das von ihm verursachte Chaos, das zugleich die F√ľlle dynamischen, neuen Lebens ist.